Schallarchiv der Uni Halle – Wachs, Vinyl und Schokolade

Steinzeit-HiFi? In einer Gründerzeitvilla in Halle (Saale) kann man zahlreiche historische Maschinen zur Schallaufzeichnung und -wiedergabe finden, dazu jede Menge Wachswalzen, Schellackplatten oder Tonbänder. Man muss sie nur suchen.

 

Ein Namensschild im Treppenhaus bringt mich kurz zum Schmunzeln: Prof. Dr. phil. habil. Ines Bose. Wie passend, denke ich. Aber nein, erklärt mir Peter Müller, mit dem ich ein Stockwerk höher verabredet bin, die Frau Professorin habe rein gar nichts mit dem berühmten Firmengründer und MIT-Dozent aus den USA zu tun. Die Namensgleichheit mit einem gewissen Dr. Amar G. Bose sei rein zufällig.
Diplom-Ingenieur Peter Müller ist ein schlaksiger, sehr zurückhaltender Mann. Hier am „Institut für Slawistik & Sprechwissenschaft, Seminar für Sprechwissenschaft & Phonetik“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeichnet er verantwortlich für Maschinen und Audiotechnik. Peter Müller kümmert sich um praktisch alles, was Ausstattung und Verfahrensfragen für das Institut betrifft. Er hegt einen durchaus beachtlichen Gerätepark, der von den frühesten Anfängen der Tonaufzeichung bis in die digitale Neuzeit reicht. Darüber hinaus hat er entscheidend an der phonetischen Transkription für das „Deutsche Aussprachewörterbuch“ mitgewirkt. Das kennen Sie nicht? Dieser Wälzer, der in Partnerschaft mit der „ARD Aussprachedatenbank“ entstand, ist für Sprecher und Redner das, was der Duden für das geschriebene Wort ist: ein Standardwerk für Sprechprofis. Wenn die Tagesschausprecherin also ganz locker Worte wie „Pop?catep?tl“ oder „Giorgi Margwelaschwili“ über die Lippen kommen, dann haben Peter Müller und das Institut einen nicht unbeträchtlichen Anteil an ihrer korrekten Aussprache. Eine bekannte US-Lautsprecherfirma heißt hier auch nicht „Dschi-Bi-Ell“, sondern korrekterweise „Dschej-Bi-Ell“, gell?
Und damit wieder zurück in den deutschen Sprachraum. Zurück zu Dipl.-Ing. Müller und seinen Gerätschaften für die Forschung zu den verschiedensten „Sprech-, Stimm-, Sprach- und Schluck-Störungen“ in Deutschland. Natürlich bedauert auch Peter Müller, dass die hier über einen Zeitraum von über 100 Jahren zusammengetragenen Maschinen und Tonträger nicht an einem zentralen Ort versammelt und präsentiert werden können. Dafür fehlt schlicht die Zeit. Und Platz für die geballte Geschichte der Schallaufzeichung bietet die alte Gründerzeitvilla des Instituts auch nicht genug. Zudem regiere derzeit wieder einmal der Rotstift im Universitätsbetrieb, womit eine vorzeigbare, ordentliche Sammlung in noch weitere Ferne rückt.

Also sind Technik und Tonträger im ganzen Institut über mehrere Stockwerke verteilt. Die wertvolle Wachswalzensammlung ist derzeit sogar außer Haus, die noch spielfähigen Walzen werden von den Kollegen in Berlin aufwändig digitalisiert. Gleichwohl sind immer noch genug Wachswalzen in Halle (Saale) vorhanden: interessante „Bruchstücke“ oder defekte Exemplare ruhen unten im Archivraum, den wir später besichtigen werden. Peter Müller beginnt den kleinen Rundgang der Einfachheit halber in seinem Büro. Die eine Hälfte des ansonsten höchst unauffälligen Raums ist von überwiegend professionellen Audio-Gerätschaften besetzt, darunter auch ein Vanille-farbenes Tonbandmonster mit „Tonmechanik“-Plakette und gebieterischem „Halt“-Knopf. Mit handfestem Werkzeug entriegelt Peter Müller zwei Einschübe im Unterbau der DDR-Bandmaschine und selbstredend kommen Röhren für die Signalverarbeitung zum Vorschein. Sein zweiter Schreibtisch steht unmittelbar vor einer Doppelscheibe, direkt dahinter befindet sich eine kleine Sprecherkabine, in der das Mikrofon ganz klar das Highlight der Ausstattung darstellt. Als Monitoranlage auf dem Schreibtisch, mit der auch digitale Bearbeitungen anderer Tondokumente vorgenommen werden, fungiert eine nicht mehr ganz taufrische und leicht überdimensionierte HiFi-Anlage aus Pioneer- und Quadral-Komponenten.
Ein Stockwerk tiefer betreten wir einen etwas größeren Raum, dessen „Computer-Pool“ durch eine ganze Schrankwand mit Vitrinen kontrastiert wird. Ein simpler Horntrichter hängt lässig von links oben in die Szenerie hinein. Ein funktionsfähiges Kymograph(ion) stellt vermutlich das älteste Exponat dar, es geht auf ein Modell des frühen 19. Jahrhunderts zurück. Im Gegensatz zum späteren Phonographen dient ein Kymograph zur grafischen Aufzeichnung von Schallwellen, beherrscht aber nicht deren Wiedergabe. Einige Kuriositäten und Spezialitäten runden die kleine, unstrukturierte Nabelschau hinter Glas ab, etwa eine Schallplatte von 1937, auf der Wangerooger Friesisch zu hören ist, aber auch plastische Modelle von Erkrankungen der Atemwege – zusammen mit teils sehr humorvollen Schautafeln eine klare Erinnerung, dassman sich sich interdisziplinär um phonetische Störungen des Menschen kümmert.
Im erweiterten Eingangsbereich der Villa sind dann tatsächlich ein paar optische Highlights des Instituts hinter schwerem Glas arrangiert: von einem kleinen Abspielgerät der Firma Stollwerk für die nur kurzzeitig erhältlichen Schokoladen-Schallplatten (garantiert ungenießbar) über frühe Freizügigkeiten der Marke Electromophon bis hin zu schwerem Aufnahmegerät samt Zubehör – die ganze Vitrine ist ein echter Hingucker und steht zu Recht an dieser prominenten Stelle.
Versteckt hingegen ist die genauso wertvolle, aber empfindlichere Tonträgersammlung. Um zu ihr zu gelangen, durchquert man einen Seminarraum mit einem Flügel, der gern von Musikwissenschaftlern oder auch angehenden Musik- oder gar Sportlehrern zur Sprecherziehung benutzt wird. Es gibt mit Gerald Seubt sogar einen eigenen Klavierstimmer an der Martin-Luther-Universität, der darüber hinaus auch noch ausgewiesener HiFi-Fan ist. André Hüttner wiederum, der sich mittlerweile zu uns gesellt hat, singt lieber im Acapella-Chor und hört Metal zu Hause auf einer wenig spektakulären Stereoanlage. Der Masterstudent schreibt derzeit an einer Arbeit über Otto Bremer, den Gründer dieser Phonetischen Sammlung, und wird uns einen zusätzlichen Einblick über das sicherheitshalber abgedunkelte Archiv verschaffen.

In dem nur knapp 20 Quadratmeter großen Raum versammeln sich wahre Schätze des aufgezeichneten Wortes, von besagten Wachswalzen, die hier nur mit weißen Handschuhen angefasst werden und von teils wunderschönen Verpackungen mit handschriftlichen Notizen umhüllt sind, über Schallplattenraritäten bis hin zu Tonbändern in den markentypisch orangenen Schachteln von AGFA. Etliche davon stammen aus der DDR-Produktion von AGFA Wolfen und sind daher auf der Rückseite in bruderstaatlichem Kyrillisch bedruckt. Zwei Spezialmaschinen erregen hier die Aufmerksamkeit des geneigten Audiomenschen. Erstens ein in den USA modifizierter Technics-Plattenspieler, der jeden DJ neidisch machen sollte, weil er von Faststillstand bis weit über 78 Umdrehungen pro Minute alle Geschwindigkeiten stufenlos beherrscht und exakt anzeigt. Zweitens eine rustikale modifizierte Tonbandmaschine von Otari mit ersten Gehversuchen zum digitalen Samplen kleinerer Sprechpassagen.
Nach einigem Staunen wird es Zeit zu gehen. Studenten sammeln sich bereits für das nächste Seminar. Im Institut stehen ja auch noch Phonetik und rhetorische Kommunikation stehen auf dem Studienplan, es gibt hier auch eine eigene „Sprechbühne“ für szenische Kollagen, die durchaus auf eine öffentliche Darbietung abzielen. Solange werden wir aber nicht mehr warten können, der nächste Termin ruft. Und zwar so laut und deutlich – ganz im Sinne des Schallarchivs. Prof. Dr. phil. habil. Ines Bose wäre vermutlich zufrieden.

 

www.schallarchiv.uni-halle.de

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