Hochgenuss oder Tinnitus?

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

von Ingo Schulz und Roland Kraft

Ingo Schulz zur Klangschatulle:

Was soll ich sagen? Eiskalt erwischt! Was wie eine sichere Bank begann, verwandelte sich in ein Lehrstück zum Thema: „ Man lernt nie aus“…
Angefangen hat es damit, dass wir auf ein HiFi-Zubehör namens „Klangschatulle“ aufmerksam wurden. Google sei Dank war auch schnell klar, worum es sich dabei handelt: die Klangschatulle ist ein Holzkästchen etwa von der Größe eines Humidors. Die Funktion: Man legt eine CD für wenige Sekunden hinein und nach dieser „Behandlung“ soll die Scheibe besser klingen. Okay: Das, was Sie jetzt denken, ging uns auch durch den Kopf (und das wollen wir hier nicht präzisieren). Der nächste Gedanke lag auf der Hand: Sicher ein überaus lohnendes Objekt, um Szene-Voodoo und Esoterik einmal richtig auf die Hörner zu nehmen. Also, wie wäre es mit Klangschatulle im Vergleich zu Orangenkiste, Klangschatulle im Vergleich zu echtem Humidor, Klangschatulle im Vergleich zu geerdeter CD-Hülle – und so weiter. Unsere Forschungsergebnisse schienen natürlich schon im Vorfeld festzustehen: die Schatulle muss sich immer knapp geschlagen geben (denn sie kann ja nicht funktionieren).

Es kam anders

„Entwickelt“ wurde die Klangschatulle von Toni Bartl von Klang und Kunst. Herr Bartl ist offensichtlich ein elaborierter Tüftler und scheint immerhin zu wissen, was er tut. Entsprechend selbstbewusst demonstrierte der Erfinder die Klangschatulle in seinem Ladengeschäft in Wolfratshausen. Vorgeführt wurde mit Hilfe eines Cambridge-CD-Spielers im Teamwork mit einem Cambridge-Vollverstärker, der Quad-Lautsprecher antrieb.
So weit, so gut. Dann allerdings passierte genau das, was ich nicht für möglich gehalten hätte: nach dem Einsatz der Schatulle gab es tatsächlich eine Veränderung im Klang. Ich musste zähneknirschend zur Kenntnis nehmen, dass da tatsächlich eine Verbesserung hörbar war! Die Veränderung war zwar gering, aber nachvollziehbar: die Darbietung rückte etwas näher an den Zuhörer heran, wurde greifbarer und klarer.
Unsere zahllosen Versuche im FIDELITY-Hörraum – mit unterschiedlichsten CD-Playern – kamen immer wieder zum gleichen Ergebnis: eine kleine, aber reproduzierbare Klangverbesserung. Damit kam es zu dem, was keiner erwartet hätte, nämlich zu der Erkenntnis: die Klangschatulle funktioniert tatsächlich. Übrigens beschränkt sich das Phänomen scheinbar nur auf CD-Player; der Vergleich zwischen einer behandelten und unbehandelten CD, die beide gerippt und anschließend verglichen wurden, offenbarte keinen hörbaren Unterschied.
Die propagierte Funktionsweise der Schatulle ist relativ schnell erklärt: im Inneren der Schatulle befindet sich ein Sandwich aus elektrisch leitfähigem Schaumstoff. Dieser Schaumstoff wird an die elektrische Masse des CD-Players angeschlossen und nimmt die eingelegte CD quasi wie ein Waffeleisen in die Zange. Im Inneren der Schatulle herrscht dadurch dasselbe Massepotential wie am CD-Spieler. Etwaige elektrostatische Aufladungen der CD werden beim Einlegen in die Schatulle gegen die Gerätemasse abgeleitet, womit sich die CD auf demselben Potential wie der Player befindet. Das Gleiche passiert, nebenbei bemerkt, auch mit dem Bediener der Schatulle, denn der unscheinbare Beschlag an der Außenseite der Schatulle ist ebenfalls geerdet.

Theoretisch logisch

Laut Aussage von Herrn Bartl hat der ganze Vorgang die Ableitung elektrostatischer Ladung zur Folge, so dass der Servo des Lasers nicht so stark durch Ladungsfelder beeinflusst werden soll. Geringere Störungen beim Servo des Lasers sollen weniger Störungen beim Auslesen und somit eine präzisere Abtastung bewirken. Letztlich ist das Ganze zumindest theoretisch logisch und nachvollziehbar. Was allerdings der im unteren Teil der Schatulle eingebaute Bergkristall beiträgt, bleibt, zumindest mit Hilfe anerkannter Physik, unerklärlich … Mit einem Preis von 470 Euro ist die Klangschatulle freilich alles andere als ein preiswertes Vergnügen. Trotzdem muss aber gesagt werden: Es funktioniert.

Roland Kraft zur Klangschatulle:

Dass nicht sein kann, was nach dem Stand des Wissens nicht sein darf, ist ein Argument, dessen sich Wissenschaft und Technik immer wieder gerne bedienen. Weil es schlicht und ergreifend auch genau so ist. Sonst würden Brücken nicht ihre Lasten tragen, Flugzeuge nicht fliegen, Handys nicht funktionieren und Streamer nicht Musik reproduzieren.

Graubereiche

Falls es da wirklich irgendwo eine Art von Graubereich gibt, dann ließe sich der wohl nur zwei Richtungen zuordnen: Placebo-Wirkung, also gelungene Selbsttäuschung, oder – tatsächlich – auf streng wissenschaftlicher Ebene noch nicht vollständig oder gar nicht erschlossenen Phänomenen. (Deren Existenz von aufgeschlossenen Forschern auch nicht geleugnet wird). Hinzu rechnen darf man wohl auch das eigene Erfahrungsspektrum, sprich: mancher will schon Pferde kotzen und Schweine fliegen gesehen haben, ist davon völlig überzeugt und weist Selbsttäuschung weit von sich. Damit wären wir jetzt – was HiFi angeht – dort angelangt, wo es um Glaube geht, ganz gleich wo der auch herrühren mag. Unter Glaube fällt für mich persönlich auch klangliche Erfahrung, respektive die Beurteilung von Klang. Ganz einfach deshalb, weil es den „richtigen“ Klang gar nicht gibt, vielmehr spezifische Bedürfnisse und Erwartungen des Zuhörers weitestgehend darüber entscheiden, ob etwas als „gut“ oder „schlecht“ beurteilt wird. Das ist zumindest meine Erfahrung nach 30 Jahren intensiver Beschäftigung mit HiFi. Der Erfahrung entspricht es übrigens auch, dass der Eine schon gewaltige Unterschiede diagnostiziert, während der Andere noch rein gar nix hört. Wobei es jedem frei steht, sich selbst gelungen zu täuschen, zumindest in Bezug auf die (monetäre) Relation zwischen Aufwand und Wirkung. Will sagen: eine womöglich unter „vernachlässigbar“ einzuordnende Klangverbesserung ist dem Einen zehn, dem Anderen 500 Euro wert. Oder, anders formuliert, habe ich nicht selten das Gefühl, dass für ein Sündengeld fette Reifen angeschafft werden, obwohl das Gefährt ein 69-PS-Motörchen besitzt … Im Klartext: Anstatt teure Kabel zu kaufen, reichen vielleicht schon ein paar Vorhänge, um eine akustische Verbesserung weit größeren Maßstabs zu erzielen.
Nichtsdestotrotz sollte man jemand nicht vorschnell verdächtigen, nur zu glauben statt zu wissen. Zum Beispiel mich: Ich glaube felsenfest an das, was ich höre, womit zumindest für mich Glaube zu Wissen wird. Ohne solches Selbstvertrauen werden Sie mit Highend-HiFi unglücklich werden und Gurus, Kabelstützen-Verkäufern, HiFi-Zeitschriften und Esoterikern anheimfallen! Damit sind wir jetzt bei der ominösen Klangschatulle angelangt, die, zunächst simpel und einsichtig, statische Aufladung von der CD entfernen soll. Dass sich abgesehen von dieser durchaus nachvollziehbaren Funktion – über deren technische Auswirkungen man trefflich streiten kann -, eine pfundschwere Ladung Bergkristall unter den Leit-Schaumstoff-Innereien befindet, sei, so hört man, jener Esoteriker-Fraktion geschuldet, die an so etwas glaubt. Ich persönlich stelle mich jetzt einfach dumm und behaupte, dass Bergkristall zumindest nicht schaden kann, dem Holzkästchen außerdem Standfestigkeit und eine bessere Preis-/Gewichts-Relation verleiht.

Freimütig

Was nun die reine Funktion der Schatulle angeht, so gebe ich freimütig zu – stocknüchtern und anfangs voller Vorurteile – etwas zu hören, was einer klanglichen Verbesserung entspricht. Punkt. Durchaus diskutabel bleibt der Maßstab, in dem diese Geschichte stattfindet, stilisiert man ein bisschen hoch, so lautet mein Fazit als nicht notorischer Erbsenzähler, dass mir Ortungsschärfe, Durchhörbarkeit und Definition ein klein wenig gesteigert vorkommen. Wäre mir das Ergebnis den Preis des Objekts wert? Die Antwort lautet: nein. Ob sich der Erfinder zu einer Budget-Variante oder einem Bausatz durchringen könnte, könnte man aber nachfragen (ich verzichte gerne auf den Bergkristall). Was schließen wir nun daraus? Schweine können doch fliegen. Man muss es nur wollen. Aber warum funktioniert dann (m)ein Handy?

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