‘OMAs’ Trichter

Hören und Sehen – ein Besuch in New York bei einem Renegaten des High-End-Audio

Als ich im letzten Schneegestöber des New Yorker Frühlings über die Brooklyn Bridge laufe, ist mir noch nicht ganz klar, was mich erwartet. Was ich weiß: Mein Ziel in Dumbo (newyorkisch für „Down Under the Manhattan Bridge Overpass“) ist das Arbeits- und Showloft von Jonathan Weiss. Jonathan lernte ich bei dessen Berlin-Besuch vor einigen Jahren als perfektionistischen Musikliebhaber kennen, der „mit Film zu tun hat“. Er erwähnte im Gespräch seine Mühle in Pennsylvania rund 120 Meilen westlich von New York, die er, damals noch hauptberuflich Regisseur, gekauft und restauriert hatte, um dort fortan unter dem Codenamen „Tube Tastings“ konspirative Hör-Erlebnisse auf Röhrenbasis zu veranstalten.

Oswalds Mill Audio      Oswalds Mill Audio

 

 

 

 

Dann war da noch das Wunderwerk einer Plattenspielerzarge aus allerfeinstem pennsylvanischem Schiefer, auf Maß wasserstrahlgeschnitten für das Garrard-301-Laufwerk des Berliner Tonarm-Spezialisten Thomas Schick – ein Werk von Oswalds Mill Audio (kurz: OMA), der Firma von Jonathan Weiss. Spätestens als Jonathan mich dann mit der Vorwarnung zu sich einlud, die Terminabsprache sei nicht ganz einfach, da das Loft immer wieder mal für Filmaufnahmen und Fashion-Fotografie vermietet sei, war klar: Das Vergnügen kann ich mir nicht entgehen lassen.

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Ein toller Hörraum ist erst einmal ein toller Raum. Bei Jonathan in Brooklyn bewahrheitet sich diese meine Audio-Weisheit einmal mehr. Der Besucher betritt das oberste Stockwerk des historischen viergeschossigen Industriebaus und findet sich unmittelbar im imposanten, rund 230 Quadratmeter großen und viereinhalb Meter hohen Hauptraum wieder. Deckenhohe Fenster und großzügige Oberlichte spenden ein weiches Tageslicht, an dem Fotografen ihre helle Freude hätten. Und zu fotografieren gibt es hier wahrlich genug. Abgesehen von einer kleinen Anzahl deckenmontierter Absorber deutet nichts darauf hin, dass hier ein besessener Audiophiler residiert. Die Wände zieren abstrakte Gemälde, auf dem antiken Mobiliar aus Orient und Okzident präsentiert sich vorzugsweise afrikanische und asiatische Kunst. Man ist umringt von kunsthandwerklich verarbeitetem Holz, Metall, Leder, Stoffen aller Art. Die Farben sind intensiv, aber nicht grell, allem sieht man gepflegte Spuren der Zeit an. Die Akustik ist die eines sehr, sehr großen Wohnzimmers. Einige der Artefakte entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Lautsprecher, Röhrenverstärker und Plattenspieler. Jonathan Weiss operiert ganz bewusst technisch wie ästhetisch jenseits des HiFi-Mainstreams. Deswegen gleichen manche seiner Hornlautsprecher überdimensionierten Insekten, lassen bei den Verstärkern und Plattenspielern die aus heimischen Hölzern und Schiefergestein makellos gefertigten Gehäuse und Zargen Berührungsängste mit der Technik gar nicht erst aufkommen – weil man sich an der tief rotbraunen Holzmaserung kaum satt sehen, mit den Fingern vom seidenmatt polierten Stein kaum lösen kann. Ach, da kommt auch Musik raus? Umso besser!

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Die CD, die ich in der Hoffnung mitgebracht hatte, sie über eine der im Loft aufgebauten Anlagen hören zu können, bleibt in der Tasche. Vinyl ist angesagt, digitales Gerät zwar vorhanden, aber eher pro forma. Fünf Stunden Musikgenuss aus Jonathans Plattenkisten vergehen wie im Flug, es gibt Stereo, es gibt Mono, es gibt alten Jazz und neuen Techno. Ja, Techno! Den Titeltrack „Trunkated“ von der gleichnamigen EP des US-Amerikaners Jon Gaiser. Vermutlich die heftigste Bassrille seit der berüchtigten Ouvertüre 1812 bei Telarc. Nur dass die hier abspielbar ist. Wir hören über das große Vierwege-Horn Imperia, so laut, dass der 21-Zoll-Bass deutliche Strömungsgeräusche am davor befestigten massiven Schiefer-Gitter erzeugt … Was für ein Spaß!

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Jonathan ist geprägt vom Kinosound. Noch heute erzählt er mit leuchtenden Augen, wie es ihn erwischt hat, als er als Jugendlicher in einem Kino jobbte. Nach der Vorstellung, als das Publikum den Saal schon verlassen hatte und nur noch er allein zwischen den Sitzreihen leere Getränkebecher und Popcorntüten aufsammelte, ließ der Filmvorführer die Titelmusik laufen, nun aber mit die Fundamente erschütterndem Pegel – so laut und sauber und groß und überwältigend, dass Jonathan für den Rest seines Lebens dieses Gänsehautgefühl gespeichert hatte.

Deswegen setzt er auf Hornlautsprecher. Aber nicht irgendwelche. Unter Federführung des Konstrukteurs Bill Woods entstehen bei Oswalds Mill Audio die wohl einzigen HiFi-Hörner mit konischem Hornverlauf. Während der Rest der Welt auf Kugelwellen- oder Exponentialhörner setzt, die insbesondere eine größere nutzbare Bandbreite versprechen, pfeift Jonathan auf Konsens und Mehrheitsmeinung und verweist stattdessen auf die höhere Linearität im schmalen Nutzbereich seiner Trichter. Die werden aufwendig in Aluguss (Hochton) und Massivholz (Mittel- und Mitteltiefton) fabriziert, wobei auch dieses wunderschöne Holz, wie jenes der Verstärkergehäuse und der Schiefer für die Plattenspielerzargen, politisch korrekt aus Pennsylvania stammt.

In den Hörnern sitzen teils historische Treiber (vorzugsweise RCA), teils unfassbar aufwendige Neukonstruktionen (Cogent), teils unidentifiziert bleibende Geheimtippchassis.
Befeuert von den OMA-Amps, Kleinleistungsverstärkern mit durchaus exotischer Röhrenbestückung, entstehen Klangbilder von selten erlebter Direktheit und Unmittelbarkeit, bisweilen geradezu erschreckend dreidimensional und schier grenzenlos dynamisch. Ich höre das kleinste Lautsprechermodell „Mini“ einmal mit Horn-, dann mit Bändchen-Hochtöner. Letzteres erdulde ich zehn Minuten lang, dann bitte ich wieder um die Hornvariante – mit Bändchen klingt’s einfach zu gewöhnlich.

In Europa steht bisher nur ein Paar OMA-Lautsprecher. Es gehört dem Filmregisseur und Fotografen Anton Corbijn, trägt dessen Initialen als Modellbezeichnung und ist eines der ersten OMA-Hörner überhaupt. Für mich steht fest: Jonathan Weiss’ erfrischend unorthodoxe Musikskulpturen verdienen hierzulande durchaus mehr Aufmerksamkeit.

www.oswaldsmillaudio.com

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