Sag’ tschüss zum schweren Eisen

Wer von „typischem Röhrenverstärkerklang“ redet, meint eigentlich die üblichen Eisenberge im Signalweg. Doch es geht auch ohne sie – und wie!

Eternal Arts OTL MB

Wo ist es auf guten Partys am gemütlichsten? Wo finden die anregendsten Gespräche statt? Na klar, in der Küche. So ist es mitunter auch in der FIDELITY-Redaktion. Nicht, dass wir dort jeden Tag eine Party feiern, das nun nicht unbedingt. Aber anregende Gespräche entwickeln sich dort ziemlich häufig. Wie neulich erst: Kaum habe ich beim mittäglichen Snack eine vermeintlich harmlose Frage an den Kollegen Roland Kraft gerichtet, denkt der Röhrenspezialist eine Spur zu lang nach, horcht ein wenig zu lange in sich hinein, als dass er mir dann eine „harmlose“ Antwort geben würde.
Eine gute halbe Stunde später habe ich wieder einmal etwas dazugelernt. Und am nächsten Morgen liegt ein offensichtlich häufig benutztes Fachbuch auf meinem Schreibtisch. Passend zum Thema. Aus RKs Fundus. In Französisch. Doch das Buch, durchsetzt mit Beiträgen eines gewissen Jean Hiraga, muss wohl noch ein bisschen warten. Denn statt mich jetzt mit Fachfranzösisch herumzuschlagen, möchte ich viel lieber Musik hören: mit einem Paar einzigartiger Röhrenverstärker.

Ein Batzen und ein Heller

Die Frage, die ich tags zuvor in die traute Küchenrunde geworfen hatte, betraf ein einziges Bauteil. Eines, das fast ausschließlich in Röhrenverstärkern zu finden ist: der Ausgangsübertrager. Jeder Röhrenverstärker, der einen Lautsprecher antreiben soll, besitzt einen Ausgangsübertrager pro Kanal. Ein typischer Stereo-Verstärker in Röhrentechnik trägt daher auf seinem Chassis ein „eisernes“ Dreiergestirn: ein Netztrafo plus zwei Ausgangsübertrager. Drei „dicke Dinger“, die das Design eines Röhrenamps entscheidend beeinflussen. Und damit ist keineswegs nur die optische Gestaltung eines Verstärkers gemeint, sondern vor allem seine technische Auslegung. Denn ein Ausgangsübertrager – so erkannte man schon bald nach der Entwicklung der Verstärkerröhre etwa um 1915 herum – ist für die Anpassung der verwendeten Leistungsröhre an die jeweilige Last (den Lautsprecher) schlichtweg unverzichtbar. Der Knackpunkt hierbei ist, dass dieses Teil einen unglaublich großen Einfluss auf die klangliche Leistung eines Verstärkers hat.
Um einen wirklich guten Ausgangsübertrager zu fertigen, das weiß jeder Röhrenexperte, sind bestes Material, reichlich Know-how und fähiges Fachpersonal gefragt. Nur unter diesen Voraussetzungen wird das nicht-lineare Bauteil breitbandig genug gefertigt werden können, um die technische Performance nicht entscheidend einzuschränken – oder gar als hörbares Filter wahrgenommen zu werden. Aus diesem Grund kosten wirklich exzellente Ausgangsübertrager auch einen ganzen Batzen Geld. Nicht selten, berichtet RK „aus eigener leidvoller Erfahrung“, ist ein einziges erstklassiges Exemplar teurer als ein kompletter, via Internet vertickter Röhrenverstärker aus Dumping-Fernost. Um es dennoch auf den Punkt zu bringen: Der theoretisch ideale Ausgangsübertrager ist nicht etwa ein riesiger, sondern gar kein Ausgangsübertrager. Auf die Idee, dieses Ideal auch in die Praxis umzusetzen, kamen die Entwickler jedoch erst viel später. Zunächst mussten neue Röhrentypen entstehen, die für einen solchen Einsatz überhaupt in Frage kommen. Doch seit den 1940er, 1950er Jahren wurden übertragerlose Schaltungen immer wieder diskutiert. Vielen Ingenieuren war ein OTL-Design (englisch: output-transformerless, OTL) allerdings zu riskant, hieß es doch, im Falle einer sich womöglich spektakulär „verabschiedenden“ Röhre auch gleich den angeschlossenen Lautsprecher entsorgen zu müssen. Befindet sich hingegen ein Übertrager im Signalweg, wird der Lautsprecher vor einem zerstörerischen Impuls geschützt, weil der Übertrager Gleichspannung erst gar nicht an die Schallwandler weitergibt. Also ist es bis heute bei der gängigen Lehrmeinung, bei der üblichen Praxis geblieben: Röhrenverstärkerschaltungen und Ausgangsübertrager gehören zusammen. Ein Röhrenverstärker ohne Ausgangsübertrager ist in der Theorie zwar interessant, in der Praxis aber undankbar. Oder gar undenkbar?

Futterman goes to Germany

Einer der wenigen Tüftler, die sich dem übertragerlosen Prinzip bei Röhrenverstärkern hartnäckig und unbeirrbar über Jahrzehnte hinweg gewidmet haben, war ein gewisser Julius Futterman. 1953 meldete Futterman seinen OTL-Verstärker zum Patent an, drei Jahre später wurde es ihm erteilt, und der schmächtige US-Amerikaner gelangte damit in Szenekreisen zu einiger Bekanntheit. Futterman schaffte es aber zeitlebens nie vollends, seinen Konstruktionen das entscheidende Quäntchen extra an Technikvertrauen (oder auch Betriebssicherheit?) einzupflanzen, das für etliche Interessenten so wichtig gewesen wäre. Auch um das Erscheinungsbild seiner unkonventionellen Entwürfe – das muss mal gesagt werden dürfen – kümmerte sich Futterman herzlich wenig.
1979 wird Futterman in New York von einem begeisterten Fan seiner Verstärkerschaltung besucht: Dr. Burkhardt Schwäbe heißt der Mann aus Hannover, Deutschland. Und der ist nach dem Treffen gleich noch ein bisschen fester entschlossen, dem „OTL-Verstärker nach Futterman“ zum unbedingt gebührenden Respekt zu verhelfen. Gleichwohl wird es nach dem Ableben Futtermans Anno 1981 noch Jahre dauern, bis Schwäbe dessen nicht ganz vollendetes Technik-Erbe zu einem handfesten, betriebssicheren und vorzeigbaren Produkt geformt hat.
Auf der HighEnd 2008 schließlich ist es so weit: Eine Röhrenendstufe namens „EternalArts OTL“ feiert Premiere – der erste OTL-Amp, der unter Schwäbes Ägide entstand. Der Stereoverstärker wird in Manufakturqualität komplett in Deutschland gefertigt, sieht im Gegensatz zu den zuvor üblichen US-Lumberjacks nach German Gentleman aus und ist – Skeptiker aufgemerkt! – absolut betriebssicher. So lautete schon damals die Aussage von Dr. Schwäbe, und so lautet sie auch heute, denn er hat sie bisher nicht revidieren müssen. Ganz im Gegenteil: Die OTL-Verstärker, so der EternalArts-Chef, seien die betriebssichersten Verstärker, die er jemals „auf dem Tisch“ hatte.

Doktors Doppeldecker

Nach der erfolgreichen OTL-Premiere präsentiert EternalArts in rascher Abfolge ergänzende Komponenten, etwa passende Dipol-Lautsprecher (mit 16 Ohm Nennimpedanz ein bevorzugter Spielpartner von übertragerlosen Röhrenamps), einen Vorverstärker, einen Kopfhörerverstärker – aber auch eine Mono- Version des OTL, die „OTL MB“ heißt. Die Schaltung der „Mono Blöcke“ ist im Prinzip identisch zur Stereo-Version, kann aber pro Kanal deutlich mehr als die knapp 30 Watt der Stereo-Version zur Verfügung stellen. Pro Kanal, sprich pro Gerät liefern die nunmehr acht Leistungsröhren der OTL MB – je nach Messmethode in puncto Klirrfaktor-Grenze – zwischen 60 und rund 100 Watt an üblichen 8 Ohm. Das sollte doch auch für die meisten „normalen Lautsprecher da draußen“ ausreichend sein!?
So ist es. 2010 habe ich ausführlich Gelegenheit, die Monos in einem kompletten EternalArts-Ensemble zu hören und bin nachhaltig begeistert, welch unbändige, leichtfüßige Kraft in dem keinesfalls monströsen Mono- Pärchen steckt – was keineswegs nur über den quasi maßgeschneiderten Dipol-Schallwandler des Hauses zu erleben ist. Auch an mir wohlbekannten Fremdlautsprechern lassen die OTL MB ihre geschmeidige Power aufblitzen und bleiben mir dadurch unauslöschlich im audiophilen Gedächtnis. Für mich ist damit klar: Die OTL-Monos von EternalArts will ich unbedingt wiedersehen und diesmal in aller Ruhe ausprobieren.

Speed Ticket?

Jetzt sind die OTL MB wieder bei mir. Angereist sind sie diesmal ohne Familienbegleitung, haben lediglich ihre geschirmten Netzkabel (von MFE) im Handgepäck. Und ich stelle erstaunt fest, dass es exakt das gleiche Paar ist, das schon einmal bei mir war. In der Tat: Diese beiden Probanden reisen seit Jahren durch die Welt, dienen EternalArts auf praktisch jeder HiFi- Show als Demo-Modelle, sind bei den Kollegen anderer Redaktionen am Start, stehen zu „Probefahrten“ bei interessierten Kunden zur Verfügung … Respekt, dieses harte Roadie-Leben sieht man den Edelteilen wahrlich nicht an. Und kaputtgegangen ist bisher auch noch nichts. Der breitbandigen Schaltung hat EternalArts ja nicht nur jede gefährliche Eigenschwingungsneigung aberzogen, auch die verwendeten Leistungsröhren sind für ihre Standfestigkeit geradezu berühmt: Der Typ PL519 wurde früher millionenfach in Röhrenfernsehern eingesetzt und gilt weithin als extrem langlebig. Gefällt mir.
Noch besser gefällt mir natürlich, wie locker die OTL MB mit meinen Lautsprechern umzugehen weiß, wie diese Röhre sowohl die Dynavox Imperial mit ihrem großen Altec-Koax als auch die Stereofone Dura ganz offensichtlich mühelos im Griff hat und spürbar „nach vorn heraus“ spielt. In puncto Temperament und gefühlter Geschwindigkeit erinnert mich Schwäbes superschnelle Röhre an meine liebsten Transistorkonstruktionen, etwa von Spectral, Devialet oder Dartzeel. Darüber hinaus versprüht sie aber noch jene Spur Charme, die das Musikhören zusätzlich fördert. Dieses Phänomen ist bei wirklich guten Röhrenamps häufiger feststellbar. Es sollte aber niemals direkt im Klangbild auffallen, sondern eher daran erkennbar sein, dass die Hörsessions noch ein bisschen länger dauern als sonst. Innerhalb der klassischen Röhrenfraktion fällt mir beispielhaft der Vollverstärker Audiomat Solfège Reference 20 ein. Demgegenüber ist die OTL MB zwar sehr viel teurer, klingt allerdings auch spürbar flinker, gelenkiger und – sogar an der Stereofone – auch deutlich kräftiger. Ohnehin überrascht mich gar nicht so sehr die messtechnische, sondern vielmehr die subjektiv empfundene Power der Monos immer wieder. Zudem kann es durchaus unterhaltsam sein, wenn im Dunkeln (und bei gehobenem Pegel) die Röhren zart im Takt der Musik flackern …
Bleibt die Gretchenfrage: Klingt OTL besser? In diesem speziellen Fall liegt die Antwort auf der Hand: Ja! Von den EternalArts OTL MB lasse ich mich immer und immer wieder gerne – um es mal ein wenig prosaisch auszudrücken – bis ins Innerste der Musik entführen. Statt „Übertragerklang“ bieten sie wahren Röhrenklang, wenn Sie so wollen. Ein durchaus kostspieliges, aber grandioses Vergnügen!

www.eternalarts.de

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