IHR KINDERLEIN KOMMET ALLE JAHR WIEDER AN TAGEN WIE DIESEN!

Bedenke, Mensch: Tiere sind auch nur Menschen. Zwischen Weihnachten und dem akustisch hochgerüsteten Neujahrsfest geben deshalb die Tierschutz-Experten alle Jahre wieder Lärmschutz- Ratschläge für die Besitzer von Vierbeinern.  Wie können unsere Haustiere das Böllern und Kra­chen und Zischen und Blitzen unbeschadet ertragen? Welchen Risiken und Nebenwirkungen werden vor allem unsere – von der Natur mit sensiblen Hightech- Ohren beschenkten – Hunde mal wieder schutzlos ausgeliefert sein, wenn sich das neue Jahr lautstark von seinem Vorgänger verabschiedet?

Kollateralschäden:
Eine andere Frage steht in dieser emotional aufgeladenen Atmosphäre überhaupt nicht zur Diskussion: Sind Menschen auch nur Menschen? Oder haben wir Humanmediziner-Patienten keinen Anspruch auf Schutz vor audiovisuell verursachten Kollateralschäden?  Wären die Menschen auch nur Menschen, dann würden sich die Tierschützer um diese bedrohte Spezies kümmern. Zumindest würden sie dann ihr Herz öffnen für jene Menschen, die bei nasskalter Witterung Glühwein ausschenken und sich ungefähr alle 15 Minuten zwangsbespaßen lassen müssen von einem wie Wolfgang Petry: „Ihr Kinderlein kommet, oh, kommet doch …!“

Geier:
Der Kohlenpott-Schlagerfuzzi, von seinen Fans liebevoll immer noch „Wolle“ genannt, erklärte 2006 seine Karriere für beendet. Burnout, Depression, einfach nur die Schnauze voll – der Wolle wollte oder konnte das nicht so genau erklären. Auf jeden Fall war von heute auf morgen Schluss mit „Weiß der Geier oder weiß er nicht, scheißegal, ich liebe dich“.  Aber die Kunst, vor allem die Popularmusik, ist eine Hure. Die Toten Hosen können ein Lied davon singen: „An Tagen wie diesen“. Der Song wurde 2013 bei Wahlkampfveranstaltungen als Stimmungsaufhel­ler verabreicht. Rote, Grüne, Schwarze, Gelbe, Linke, Rechte – die Vertreter von sämtlichen politischen Stil­richtungen ließen nach ihren Propaganda-Auftritten die Toten Hosen runter.

Angie:
Es kam noch schlimmer. Als Angie, von ihren politischen Gegnern liebevoll „Der tote Hosenanzug“ genannt, die Kanzlerinnen-Wiederwahl gewann, grölten die christdemokratischen MinisterInnen vor laufenden Kameras: „An Taaagen wie dieeee­sääähn …“ Da konnte Campino noch so vehement die beleidigte Leberwurst raushängen lassen, seine GEMA-Tantiemen für diese kulturpolitische Entglei­sung kassiert er nur zu gerne. Um sich bei seinen Fans wieder lieb Kind – besser gesagt: bös Kind – zu machen, bewertete Herr Campino es als Missbrauch seiner künstlerischen Leistung, dass die Polit-Promis ohne ausdrückliche Erlaubnis der Toten Hosen sich über Tage wie diese freuten.

Freundschaft:
An Tagen wie diesen hätte man sich gewünscht, dass Wolle Petry eine ähnliche Forderung – zum Beispiel „Macht endlich Schluss damit, meine Version von ‚Ihr Kinderlein kommet‘ in unschuldige Kinderohren zu träufeln!“ – rausgeschnauzt hätte. Aber der Mann mit den vielen Freundschaftsarmbändern am linken Arm kennt diesbezüglich keine Freunde.  Zur Weckung und Steigerung des Glühweinbe­darfs bestens geeignet ist außerdem „Lasst uns froh  und munter sein.“ Es muss nicht unbedingt von Uschi Glas fehlinterpretiert werden. Andere Versio­nen sind ebenfalls nur im Suff zu ertragen und heben den Getränke-Umsatz.

Gutmensch:
Auch die – angeblich als moralisch aufrichtende Botschaft gemeinte – Frage „Do They Know It’s Christmas Time At All?“ erfüllt den Tatbestand einer fahrlässigen Seelenverletzung, wenn sie dem Weihnachtsmarkt-Personal in regel­mäßigen Abständen verabreicht wird. Na schön, dieser X-mas-Schlager hat seit 1984 mehr als zehn Millionen Euro für notleidende Kinder in aller Welt eingespielt. Aber Bob „Gutmensch“ Geldof und die übrigen Mitwirkenden dieser Wohltätigkeitsaktion müssen sich von abgenervten Weihnachts­marktbesuchern fragen lassen: Wisst Ihr überhaupt, was Weih­nachten ist?  Ach, wären die Menschen doch auch nur Menschen. Dann würden sich die Tierschützer für diese gequälte und geschundene Spezies einsetzen. Doch leider sind wir Menschen die Krone der Schöpfung. Wir fallen in den Zuständigkeitsbereich von Gewerkschaftsfunktionären, Seelsorgern und anderen Menschenrechtsgelehrten. Und die tun nix – zumindest nicht für das Weihnachtsmarkt- Verkaufspersonal.

Rostlaube:
Aber es gibt Hoffnung. 2013 beschenk­te sich das christliche Abendland mit einem neuen Oberhirten. Und dieser Papst kommt aus einem Lande, wo – laut Auskunft argentinischer Tourismus- Manager – wildfremde Menschen auf der Straße mit­einander Tango tanzen. Außerdem lächelt Franziskus menschenfreundlicher als sein bayrisch-barocker Vor­gänger. Und wenn genügend Fotografen anwesend sind, lässt Franziskus sich in einer französischen Rost­laube – Typenbezeichnung: Renault R 4 – von einem Ende des Vatikanstaats zum anderen chauffieren.  Neben der katholischen Kirche wurde 2013 eine weitere Kultvereinigung von ihren angebeteten Idolen zur Rückbesinnung auf alte Werte gezwun­gen: Schwermetall-Fans aus aller Welt mussten auf einer Kuhwiese in Schleswig-Holstein erdulden, wie der volkstümliche Chartstürmer Heino zusammen mit Rammstein die „Sonne“ anhimmelte. Die Neue Deutsche Härte – eine popularmusikalische Epoche, die 1995 mit dem ersten Rammstein-Album einge­läutet wurde – verkam in Wacken zu einer mild-würzigen Zutat für Heinos Weicheier-Salat.

Spaß:
2011 hatten die Fans noch gejubelt, als Roberto Blanco und die Thrash-Metal-Kapelle Sodom von der Wacken-Bühne herab um Verständnis für Alzheimer- Kranke warben: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Aber von einem Heino müssen wir ein bisschen mehr fordern. Zum Bei­spiel: „Stille Nacht! Heilige Nacht! / Wo sich heut alle Macht / Väterlicher Liebe ergoss / Und als Bruder huld­voll umschloss / Jesus die Völker der Welt.“  Diese vierte Strophe wurde 1816 von dem Salzburger Land­pfarrer Joseph Mohr geschrieben, aus Freude über das Ende der Na­poleonischen Kriege. Der vollständige Song wurde in Österreich bereits in die nationale Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die dortige UNESCO-Kommission wollte damit verhindern, dass dieses Friedenslied reduziert wird auf „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft …“

Chance:
Alle X-mas-CDs, die 2013 veröffentlicht wur­den, lieferten wieder mal nur diese Message: „Holder Knabe im lockigen Haar“ und „Oh wie lacht“. Aber vielleicht nutzen Heino und Konstantin Wecker, Wolle Petry und Roberto Blanco – und meinetwegen auch Rammstein – die Chance und singen 2014 gemein­sam: „…als Bruder huldvoll umschloss / Jesus die Völker der Welt“.  In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr mit vielen Tagen wie diesen für die Toten Hosen(-anzüge) und alle Menschen, die guten Willens sind. Und vor allem auch gute Besse­rung für dich, Wolle.

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