“Die Qualität des Musikangebots!”

FIDELITY-Autor Jürgen Schröder im Interview mit Eckhard Beste, Inhaber vom Kölner Gehörschutzspezialisten Hearsafe.

FIDELITY:
Auf der diesjährigen Musikmesse war bei euch am Stand zu erfahren, dass es neue Studien zum Thema Gehörschutz bei Musikern gibt, die ein radikales Umdenken in diesem Bereich notwendig machen. Könntest du uns näher erläutern, was dahintersteckt? Eckhard Beste:

Über viele Jahre hinweg wurden in der Wissenschaft und in diversen Studien sehr widersprüchliche Aussagen zu diesem Thema gemacht. Einerseits seien Musiker angeblich stärker belastet, insbesondere in der Rockmusik, in der Militärmusik und im Orchestergraben. Andererseits zeigten Untersuchungen, dass bei Berufsmusikern nicht mehr Hörschäden anzutreffen sind als sonstwo. Allerdings hat man von diesen Untersuchungen nichts gehört. Oder sie passten nicht in den Präventionsauftrag, den man sich in der Gesundheitspolitik vorgenommen hatte. Also ist die Diskussion ein bisschen einseitig geworden, weil man mit den Ergebnissen ein weiteres Vordringen des Gehörschutzes auf allen möglichen Arbeitsfeldern begründet wissen wollte – auch in der Musik. Nur: Die alten Studien halten einer Überprüfung in verschiedenen Bereichen nicht stand. Da gab es zum Beispiel Studien, die behaupteten: „Orchestermusiker sind nicht stärker belastet“, aber auch solche, in denen es hieß: „Orchestermusiker sind wesentlich stärker belastet.“ Es kann ja nicht stimmen, dass beides zugleich richtig ist; da muss man schon nach der Methodik der Untersuchungen fragen dürfen. Im Freizeitbereich zum Beispiel haben schon vor dem Jahr 2000 Untersuchungen vorgelegen, die besagten, dass es zwischen Gruppen, die häufig Diskotheken und Konzerte besuchen, und solchen, die das nicht tun, keinerlei Unterschiede beim Auftreten von Hörschäden gibt. Auch das ist kaum wahrgenommen worden, weil parallel dazu Untersuchungen liefen, die darauf abzielten, dass es in Diskotheken nicht unkontrolliert laut ist – was an sich ja gut ist.

Was wissen wir heute Neues?

Wir wissen, dass Mediziner bei Lärmexponierten – in Erwartung eines Hörschadens – oft nicht gründlich genug nachfragen, wenn deren Hörvermögen beeinträchtigt ist. Sehen wir von Unfällen einmal ab, die unmittelbar eine vorübergehende oder auch anhaltende Verschlechterung der Hörfähigkeit bewirken, so sind in den meisten Fällen ganz andere Einflussfaktoren festzustellen. Mit Sicherheit ungünstig sind Alkohol und Nikotin, weil ihr Genuss die Gefäße verengt und auch andere Nebenwirkungen hat. Das Rauchen hat ganz allgemein einen wesentlich höheren Stellenwert bei der Entstehung von Hörschäden als Lärm.

Gibt es denn Bestrebungen, solche neuen Untersuchungen zu berücksichtigen und Maßnahmen zu ergreifen, die über die gesetzlich vorgeschriebenen Richtwerte in Bezug auf Schalldruckpegel und Beschallungsdauer – sei es in Diskotheken oder bei Musikern – hinausgehen?

Nein, die gibt es meines Wissens nicht. Auf EU-Ebene soll eher durchgesetzt werden – was ich auch grundsätzlich richtig finde –, dass es am Arbeitsplatz leiser werden soll. Weil Lärm müde macht, mehr noch, den menschlichen Organismus schwächen oder sogar krank machen kann. Allerdings sind wir beim Emissionsschutz aufmerksamer geworden, wenn über Flughäfen, Verkehrslärm und dergleichen gesprochen wird. Solche Dauerstress-Einflüsse kann der Organismus normalerweise nicht einfach so wegstecken. Wenn ich aber auf dem Fußballplatz so richtig unter Dampf stehe, kann ich den Lärm über die Bewegung „abführen“. Ebenso im Orchestergraben oder bei der Bandprobe: Es hat ja eine ganz andere Qualität, wenn ich das, was sich da durch den Lärm aufbaut, aktiv körperlich „umsetzen“ kann, als wenn ich diesem Druck hilflos ausgesetzt bin. Doch wenn man nun in irgendwelchen Bereichen ein Türchen öffnet und sagt, die Sache mit der Lärmbelastung sei ja gar nicht pauschal bewertbar, dann stellt man natürlich grundsätzlich alles in Frage. Das will der Arbeitsminister nicht. Der sagt, dass Lärm am Arbeitsplatz die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt und die Lebensqualität verschlechtert, und deshalb soll es insgesamt leiser werden. Genau das will er durchsetzen – und nicht den vielleicht 13 000 Orchestermusikern oder irgendeiner anderen kleinen Gruppe Sonderrechte einräumen.

Spannend, dass die Aktivität bei Lärmbelastung offensichtlich eine große Rolle spielt. Könnte es also beispielsweise sein, dass jemand in einer Diskothek mit einem Dauerschallpegel von 95 Dezibel locker klarkommt, weil er sich den ganzen Abend dazu bewegt?

In der Tat. Und noch besser wäre, wenn er dann anschließend eine halbe Stunde stramm nach Hause geht, ohne sich beschallen zu lassen. Musiker gehen in die Kantine, trinken noch ein Bierchen oder fahren mit dem Fahrrad nach Hause – jeder hat da so seine Technik, um aus einer lautstärkemäßig fordernden Situation herauszukommen, damit abzuschließen und danach schlafen gehen zu können. Gut ist auch, wenn dann nicht zu viel Alkohol und zu viele Zigaretten den Organismus zusätzlich belasten.

Was sollte man denn als engagierter Tonschaffender oder Musiker auf jeden Fall vermeiden oder beachten?

Aufpassen, dass es nicht zu akustischen Unfällen kommt, etwa durch Explosionen. Man sollte auch nicht – was bei Veranstaltungen während des Aufbaus häufig passiert – mit Metall auf Metall klopfen, sollte sich außerdem den Gefahren der Pyrotechnik bewusst sein und akustische Rückkopplungen meiden. Wichtig ist, dass zum Stressmanagement ein körperlicher Ausgleich gehört, zur Belastung auch die Entlastung, zu einer Lärmexposition auch das Ausschwingen in der Ruhe. Und man sollte sich bewusst machen, dass das Leben eben nicht nur – so wie jetzt – durch eine „Technische Anleitung Lärm“ geregelt ist. Da fragt man nämlich bloß: „Wie laut darf es gerade noch sein?“ – und geht ständig an die Obergrenze … Besser wäre eine „Technische Anleitung Ruhe“.

Gibt es etwas, was du unbedingt loswerden möchtest?

Ja: Hört auf, die Kids verrückt zu machen! Die Aussage, dass „die jungen Leute“ sich heute alle ihre Ohren mit Diskothek, iPod und Konzertbesuch kaputtmachen, ist nicht belegt. Manche trauen der nachfolgenden Generation eben nicht die gleiche Klugheit, Compliance, Einsichts- und Korrekturfähigkeit im Austausch mit ihrer Umgebung zu. Die jungen Leute heute sind, was die Ohren angeht, auch nicht doofer als die jungen Leute früher. Die Qualität des Musikangebotes ist der beste Gehörschutz, den man anbieten kann. Im technischen Sinne ist das zum Beispiel ein möglichst guter Kopfhörer für den Mediaplayer, der auch eine Dämmung nach außen hat. Allzu oft hören wir jemanden, der voll aufdreht und die halbe Bahn beschallt, weil das Ding nicht passt und er selbst sich gerade in einem emotionalen Ausnahmezustand befindet oder die Aufnahme so schlecht ist, dass er immer noch lauter stellt, weil er meint, dadurch würde es besser. Wenn wir in der Bahn die anderen in unserer Nähe nicht wahrnehmen (müssen), liegt es daran, dass deren Hörer ordentlich auf den Ohren sitzen und nach außen gedämmt sind. Kurz: Es sollte mehr Qualität angeboten werden – und nicht dieser Blödsinn mit „Pegel auf 85 Dezibel begrenzen“. Wer Musik intensiv erleben will, braucht mehr. Und es ist ein Irrtum zu glauben, damit könne man Kinder und Jugendliche schützen: Die nehmen dann einfach einen anderen Kopfhörer, weil sie’s eben ein bisschen lauter haben wollen. Lasst die jungen Leute gute Musik hören, mit guten Wiedergabegeräten. Schult das Hören. Das austauschende, ehrliche Gespräch mit einem jungen Menschen bringt ihn oft viel weiter, als wenn man ihm altklug irgendwelche Verhaltensweisen auferlegt. Motiviert junge Menschen, selbst Musik zu machen und sich auch mit Musik in einer gewissen Qualität zu beschäftigen. Wenn man ihnen etwas Vernünftiges anbietet, womit sie sich entsprechend auseinandersetzen können, fragen sie auch nach einer besseren Qualität. Dann sind sie mit vielem, was da an Mist auf dem Markt ist, sicher nicht mehr einverstanden.

www.hearsafe.de – 9050

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