Guter Klang und gute Abtastwerte schliessen sich aus? Audio Technica beweist, dass das nicht so sein muss!

von Uwe Heckers

2012 ist ein besonderes Jahr für Audio Technica. Die japanische Firma besteht nun schon seit 50 Jahren und kann auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte rund um die Herstellung elektroakustischer Wandlungssysteme zurückblicken. Bei Mikrofonen, Kopfhörern und natürlich Tonabnehmern nahm (und nimmt!) Audio Technica von jeher eine führende Rolle auf dem Weltmarkt ein. Die Älteren unter uns werden sich sicher noch an so hervorragende Syteme wie das AT-ML180OCC, das AT-20SLa oder das A.R.T. 1 erinnern. Doch das Digitalzeitalter forderte seinen Tribut, und so sind diese vorzüglichen Tonabnehmer zusammen mit der Tonarmflotte, die Audio Technica einst ebenfalls produzierte, wohl unwiederbringlich verschwunden. Auch ich habe diese Tonabnehmer in bester Erinnerung, und es dürfte daher niemanden verwundern, dass gerade die Jubiläumsmodelle, die auf der HighEnd in München so verführerisch präsentiert wurden, bei mir auf größtes Interesse stießen. Doch es hat nicht sollen sein: Die mit aufwendigen Titangehäusen ausgestatteten Tonabnehmer AT-150ANV (Moving Magnet) und AT-50ANV (Moving Coil) sind laut Aussage des offiziellen Vertriebs entweder ausverkauft oder nur noch in homöopathischen Dosen verfügbar. Wirklich bedauerlich, denn wenn eine Firma wie Audio Technica ihr gesamtes Know-how in die Waagschale wirft, dann darf man ganz sicher Großartiges erwarten. Auch und gerade zu den geforderten gehobenen Preisen. Schade, schade, schade …Genug gejammert!

Bleiben wir bei dem, was problemlos in Deutschland verfügbar ist. Im aktuellen Angebot sticht besonders das AT-33EV ins Auge, ein Moving-Coil(MC)-Tonabnehmer, der auf eine sehr lange Historie zurückblicken kann. Die ersten Inkarnationen dieses Generators erschienen bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre und sind seitdem laufend verfeinert worden. Im konkreten Fall leitet sich das „EV“-Modell vom „ANV“ ab, einem Sondermodell, das zum 45-jährigen Bestehen von Audio Technica erschienen ist. Von diesem unterscheidet sich die aktuelle Variante vor allem durch den konisch zur Spitze zulaufenden Nadelträger aus besonders hartem und festem Duraluminium. An dessen Spitze befindet sich ein nackter, elliptisch geschliffener Diamant von augenscheinlich hoher Qualität. Bornadelträger und der für Audio Technica so typische Micro- Linear-Schliff sind innerhalb der 33er-Baureihe nur dem offiziell leider nicht in Deutschland verfügbaren AT-33PTGII vorbehalten. Seit eh und je verwendet Audio Technica das im Grundriss fast quadratische und gleichzeitig sehr flach bauende Gehäuse, das hauptsächlich aus Aluminium besteht. Eine Top- und eine Bodenplatte aus Kunstharz soll den Abtastvorgang vor störenden Resonanzen schützen.
Dass das 33er keine Gewinde für eine vereinfachte Montage aufweist, wollen wir dem modernen Klassiker einmal nachsehen. Seine Grundkonstruktion stammt immerhin aus einer Zeit, in der eine nennenswerte Anzahl von Tonarmen und Headshells ohnehin Gewinde besaßen. Der Magnetkreis dieses Generators folgt dem klassischen Aufbau mit einem über den Spulen aus hochreinem, monokristallinem Kupfer angeordnetem Neodym-Magnet. Die Ausgangsspannung gibt Audio Technica mit 0,3 mV bei 3,54 cm/s an, was in etwaa0,42 mV bei 5 cm/s entspricht. Es handelt sich also um ein „leises“ System, das zwingend auf einen entsprechend hoch verstärkenden MC-Eingang bei der Phonostufe angewiesen ist. Eine Besonderheit stellt die Anordnung der Spulen dar, die von vorne betrachtet wie ein auf dem Kopf gestelltes V aussieht und die sich oberhalb des Punktes befindet, an dem der Nadelträger mit dem Spulenträger verbunden ist. Audio Technica verspricht sich von dieser Anordnung eine verbesserte Kanaltrennung und daraus folgend eine bessere Raumabbildung. So erklärt sich auch das „EV“ in der Namensbezeichnung : „E“ steht für den elliptischen Schliff und „V“ für die, soweit mir bekannt, einzigartige Spulenanordnung.

Nadelnachgiebigkeit

Wie andere japanische Hersteller gibt auch Audio Technica die Nadelnachgiebigkeit (10 ?m/mN) bei 100 Hz (und nicht bei 10 Hz) an. Das ist für den Käufer etwas unpraktisch, weil die Nadelnachgiebigkeit frequenzabhängig ist und sich aus dem Wert für 100 Hz nicht ohne weiteres ableiten lässt, für welche Gewichtsklasse des Tonarms (leicht, mittel, schwer) der Tonabnehmer ausgelegt ist. In SME Series IV resoniert es jedenfalls um die neun Hertz, woraus man auf einen Wert von ungefähr 20 ?m/mN schließen kann. Kurz gesagt: Das AT-33EV ist für den Betrieb in mittelschweren Tonarmen optimiert. Berücksichtigt man auch das Systemgewicht von 6,9 Gramm, kann man es von der rein technischen Seite aus betrachtet in jedem gängigen Jelco, Linn, Rega oder SME betreiben.
Besondere Erwähnung verdient die Verarbeitungsqualität. Die ist nämlich schlicht perfekt. Selbstverständlich wurde an solche Details wie vergoldete Anschlussstifte gedacht, die farblich eindeutig gekennzeichnet sind. Da könnte sich der eine oder andere Hersteller ruhig eine Scheibe abschneiden! Das Gleiche gilt auch für die Abtastfähigkeit, die ich routinemäßig eigentlich nur als eine Art technische Funktionskontrolle durchführe. Bei maximal zulässiger Auflagekraft (22 mN) und adäquat eingestellter Skatingkompensation schafft das System tatsächlich 100 ?m! Ich kenne einige wenige Moving- Magnet(MM)- und Moving Iron(MI)-Systeme, die das auch können. Aber bisher habe ich eine derart hohe Abtastfähigkeit noch bei keinem Moving-Coil-Tonabnehmer beobachtet. Natürlich sind 100 ?m bei 315 Hz keineswegs notwendig, um 99 Prozent aller Schallplatten störungsfrei abzuspielen. Nach weit verbreiteter Meinung sollten 50 ?m ausreichen. Es ist dennoch beruhigend zu wissen, dass das AT-33EV offenbar vor keiner noch so hoch ausgesteuerten LP zurückschreckt. Wenn es zerrt oder klirrt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass die Rille der Platte beschädigt ist und eben nicht der Tonabnehmer.
Vorteile?
Eine andere Frage ist hingegen, ob man als Benutzer derart abtastsicherer Tonabnehmer praktische oder gar klangliche Vorteile hat. Ich denke schon: Zum Beispiel kann man die Auflagekraft innerhalb der vom Hersteller definierten Grenzen reduzieren, was den Diamanten, die Schallplatten und nebenbei bemerkt den Geldbeutel schont. Tonabnehmer sind schließlich Verschleißteile, die regelmäßig ersetzt werden müssen. So habe ich das AT-33EV an seiner unteren Auflagekraft-Grenze (18 mN) „gefahren“, wo es immer noch unglaubliche 80 ?m – sogar ohne Antiskating – schafft. (Letztere habe ich beim Betrieb im SME IV trotzdem auf der Skala bei 1,8 eingestellt.) Wahrscheinlich auch auf die hohe Abtastfähigkeit zurückzuführen ist die Nebengeräuscharmut des AT-33EV. Es ist fast schon unheimlich, wie „leise“ das Audio Technica durch die Rillen gleitet. Damit verbunden ist eine schon extrem gut zu nennende Klangzeichnung. Selbst eine Ausdrucksextreme wagende Frauenstimme wie die von Chie Ayado (To You, EWE, EWLP 0078) schafft es ohne den geringsten Anflug von Schärfe. Damit verbunden ist eine Sprachverständlichkeit, die schlichtweg nicht zu überbieten ist. Großorchestrale Schlachtrösser wie Gustav Holsts The Planets (Charles Dutoit, Orchestre symphonique de Montréal, Decca) werden mit beeindruckender Räumlichkeit und Detailfreude wiedergegeben, sodass einem beim Hören im Dunkeln fast schwindelig wird. Es stellt sich der Eindruck ein, dass diesem Tonabnehmer, obwohl er „nur“ über eine elliptische Nadel verfügt, nicht das kleinste Detail entgeht. Das gewaltige Orchester wird vollständig, nämlich detailreich und gleichzeitig in sich geschlossen dargestellt.

Fehlt etwas? Nein.

Der Verdacht, dass das Audio Technica AT-33EV ein HiFi-technischer „Streber“ sein könnte, dem der Sinn für den musikalischen Zusammenhang abhandengekommen ist, entsteht gar nicht erst. Denn im Gegensatz zu einem Audio Technica OC9, das sicherlich noch viele Leser in Erinnerung haben, weist es einen durchaus voluminösen, druckvollen und gleichzeitig sauber konturierten Bass auf, der – etwas flapsig ausgedrückt – für den nötigen „Bumms“ sorgt. Aber das nur, wenn er auf der LP auch drauf ist. Denn tatsächlich wird kein Frequenzbereich bevorzugt. Es stellt sich stets der für das entspannte Musikhören so wichtige subjektive Eindruck ein, der oftmals mit „musikalischem Fluss“ umschrieben wird.
Was manchmal zu fehlen scheint, ist ein gewisser liveähnlicher Eindruck. Ich nehme an, dass das extrem störgeräusch- und verzerrungsarme Abtasten dafür verantwortlich ist. Das Audio Technica wirkt nur mitunter weniger lebendig, als man es von anderen (keineswegs schlechten) Tonabnehmern her gewohnt ist. Zudem scheint ein wenig der gewohnte Biss und die Attacke zu fehlen. Tatsächlich aber schreckt es – eben auch wegen seiner fantastischen Abtastsicherheit – vor keinem noch so extremen Dynamiksprung zurück. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass man sich nur an die Fehler anderer, nicht so sauber zu Werke gehender Tonabnehmer gewöhnt hat. Hat man sich andererseits erst einmal mit dem sauberen, präzisen und keineswegs anämischen Klangeindruck des Audio Technica AT-33EV arrangiert, wird es möglicherweise schwerfallen, weniger präziser zu Werke gehende Tonabnehmer zu akzeptieren.
Bedenkt man alle seine Eigenschaften – die Fertigungsqualität, die Abtastsicherheit, die musikalischen Fähigkeiten und nicht zuletzt den moderaten Preis –, dann bleibt nur die Schlussfolgerung, dass das Audio Technica AT-33EV ein veritabler Best Buy ist. Dass es auch heute noch so etwas zu kaufen gibt, ist vielleicht die beste Nachricht anlässlich des goldenen Jubiläums von Audio Technica. Herzlichen Glückwunsch!

www.audio-technica.de
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