Die KEF Blade versucht einen irrwitzigen Spagat: Sie steht im Spannungsfeld zwischen dem sündteuren Übermodell Muon und dem günstigen Kompaktmonitor LS50. Wie gut gelingt ihr dieser Brückenschlagin der Praxis?

von Cai Brockmann

Taufrisch? – Na ja, das ist die KEF Blade nun wirklich nicht mehr. Bereits 2009 wurde sie als Studie „Concept Blade“ vorgestellt und zwei Jahre später, nach der Entwicklung vom Prototyp zur Serienreife, offiziell ins Programm genommen. Seither hat die Blade einen weltweiten Parforceritt durch alle Medien absolviert, dabei etliche internationale Auszeichnungen eingesammelt und, vielleicht am allerwichtigsten, pünktlich zum 50. Jubiläum von Kent Engineering & Foundry (KEF) das Markenbild der Engländer erheblich nachgeschärft.KEF sortiert die Blade im hauseigenen Portfolio in die Kategorie „Flaggschiff “ ein, zusammen mit der alles überragenden Muon (ein zwei Meter hohes Monument aus hochglanzpoliertem Aluminium, teuer wie ein Supersportwagen) und der tatsächlich taufrischen, für diese Ausgabe der FIDELITY leider nicht rechtzeitig lieferbaren LS50, die in Größe und Anspruch an den legendären BBC-Monitor LS3/5a erinnert und mit 1000 Euro pro Paar absolut erschwinglich ist. Damit umfasst KEFs Flaggschiff-Armada drei Modelle, wie sie unterschiedlicher kaum sein können – zumindest auf den ersten Blick.
Apropos Blick: In puncto Optik gestehe ich, der Blade von der ersten Minute an verfallen gewesen zu sein. Ich halte sie, und da hänge ich mich gerne sehr weit aus dem Designfenster, für umwerfend elegant. Vor allem in natura zählt sie für mich zu den gelungensten Lautsprecher-Entwürfen der letzten Jahrzehnte. Sogar inmitten meiner anderen Form-Favoriten (spontan und alphabetisch: A23 Rondo, Boenicke SLS, Bose JewelCube, Magnepan MG 1.7, QUAD ESL 57, Shahinian Compass, Sonus Faber Stradivari Homage) nimmt die KEF Blade eine herausragende Stellung ein. Allerdings nicht in dieser Farbe. Bisher hatte ich die Blade immer nur in den Nichtfarben Schwarz oder Weiß erlebt. Insbesondere in Weiß empfinde ich das kontrastreiche Zusammenspiel von Technik (dunkel) und Gehäuse (hell) als überaus gelungen, praktisch perfekt. Um die Palette der teils rasanten Sonderfarben hatte ich mich nicht weiter gekümmert. Nun aber schlüpft eine Blade in der Lackierung „Pale Gold“ erst aus dem Flightcase, dann aus der Stoffhülle – und niemand bei FIDELITY lässt die Farbe unkommentiert. Um es kurz zu machen: Pale Gold fällt hier glatt durch.

Pünktchen & Boxerbässe

Zur besseren (Wieder-)Einstimmung habe ich die aufpreispflichtige „Blassgold“-Lackierung versucht zu ignorieren und mich stattdessen noch einmal kurz auf die geballte Technik konzentriert, die sich im wunderbar geschwungenen Blade-Gehäuse – ohne rechte Winkel, also auch ohne stehende Wellen – großteils recht offenherzig darbietet. KEFs identitätsstiftender Uni-Q-Treiber, hier eine Kombination aus 1-Zoll-Hochtöner und 5-Zoll-Mitteltöner, zieht auf der superschmalen Front alle Blicke auf sich. Der Koaxialtreiber verkörpert, wenigstens für alle Frequenzen oberhalb von 350 Hz, die berühmte Punktschallquelle. Ein Ideal, das die allermeisten Lautsprecher- Konstrukteure nach wie vor anstreben. Das Besondere an der Blade aber sei, so KEF, dass erstmals auch die Tiefton-Einheit virtuell vom exakt gleichen Punkt abstrahlt wie der Uni-Q. Die Blade, so heißt es vollmundig, sei somit der „weltweit erste Lautsprecher als Punktschallquelle“.

Eine muss die Schönste sein

Es sei jetzt einmal dahingestellt, ob beispielsweise Cabasse mit seinen aktiven Topmodellen L‘Océan und La Sphère nicht ganz ähnliche Gedanken in die Tat umgesetzt hat, oder ob nicht etwa auch Tannoy, Dynamikks und Audiodata, um nur ein paar weitere Koaxial-Kandidaten zu nennen, an der gleichen Kerbe schnitzen. Fakt ist jedenfalls, dass KEF die Sache mit dem Heiligen Gral der „Punktschallquelle“ nicht nur optisch hervorragend, sondern auch technisch sehr elegant, zudem ohne elektronische Zaubertricks, also ohne Aktivierung oder Digital-Unterstützung realisiert. Wie KEF die virtuelle Bass-Punktquelle erzeugt und definiert, veranschaulicht die Grafik auf der nächsten Doppelseite.
Was uns aber vielmehr umtreibt, ist die Frage, wie sich ein derart schönes, hochmodernes, möglicherweise einzigartiges Flaggschiff im highfidelen Alltag schlägt. Woraus gleich schon die nächste Frage erwächst: Darf es überhaupt „Alltag“ heißen, wenn für ein Pärchen Lautsprecher mindestens 25 000 Euro fällig werden? Nun, auf dem Discounter-Parkplatz stehen genug Luxusschlitten, die ein Vermögen kosten. Also konfrontieren wir Miss Blade auch mit dem HiFi-Alltag.

Leistung zählt. Und Hubraum!

Auf den stets unterhaltsamen Vorführungen von KEF-Botschafter Johan Coorg war es mir zuvor schon aufgefallen, nun erlebe ich es auch selbst in den Räumen, die ich mit der großen Blassgold-Klinge nacheinander beehre: Die Blade ist ein begnadetes Universalwerkzeug, ein Volltreffer für Musikliebhaber und Ästheten gleichermaßen. Die Blade kann einfach alles!
Außer Rock ’n’ Roll. Wer den erregenden Sound räudiger Gitarrenriffs über alles liebt, wird anderswo für weniger Geld mehr Gänsehaut unterm Tattoo bekommen. Und das verwundert mich keineswegs, führt die Blade doch nur die Familientradition fort. Mir ist jedenfalls kein einziges KEF-Modell bekannt, vollkommen unabhängig vom Preis, dessen (heimliche?) Präferenzen nicht vor allem in akustischer Musik zu finden sind. Und das ist auch gut so, es macht die Welt überschaubarer. Wo kämen wir denn hin, wenn KEF plötzlich das neue Kürzel für Krach, Einsturz, Funkadelic wäre. Eben!
Um Missverständnisse zu vermeiden: Für die KEF Blade sind Live-Drumsolos, erstklassig produzierte Electronica oder gut produzierte Rock-Acts kinderleichte Fingerübungen. Ein großes Orchester im vollen Fortissimo? Eine Bigband auf Freigang? Die Dame stellt sich angstfrei jeder dynamischen Herausforderung und wird auf Wunsch auch richtig laut – immer vorausgesetzt, sie hängt dabei an „Leistungsverstärkern“, die diesen Begriff am liebsten über die ersten beiden Silben definieren und den offiziellen Wirkungsgrad (90 dB) einfach ignorieren. Meine modifizierten Altecs etwa oder auch eine stramme Röhre von Audio Research findet die Blade noch nicht übermäßig spannend, insbesondere tiefe und tiefste Lagen lassen an Wucht und Spannkraft zu wünschen übrig. Um den beträchtlichen Stromdurst der Blade wirklich gentlemanlike zu stillen, sind noch größere Kaliber gefragt. Sehr ordentlich geht’s mit „großen“ NuForce-Monos oder einem Dartzeel CTH-8550. Und so richtig dicke Brummer à la McIntosh MC500 oder Goldmund Mimesis 29 (danke, Ingo!) bleiben auch dann noch souverän, wenn die Blade ihre eigenen Grenzen ausloten möchte – Traumkombis ohne echte Limits! Angemessen angesteuert, stellt die Blade keinerlei Fragen (mehr), sondern liefert ausschließlich Antworten, und zwar jederzeit klar und deutlich. Es heißt also nicht: Wie groß ist der Saal und wie viele Musiker spielen in der Continuo-Gruppe? Sondern: Bitte Premium-Plätze einnehmen und die Musik grenzenlos genießen! Sonst nichts. Sobald Musikquellen und verstärkende Elektronik wirklich auf den Punkt spielen, verzaubert die große KEF Blade – das mittlere Flagschiff-Modell, diese „weltweit erste Punktschallquelle“ – ihre Zuhörer mit akustisch perfekter Unsichtbarkeit.
Die Blade, ein Brückenschlag? – Preislich mit einem Riesenspagat zwischen Muon und LS50 positioniert, verkörpert die schönste KEF in der Tat auch eine herrlich breite Brücke zur Musik. Diese Brücke führt zwar nicht nach Woodstock oder Wacken, dafür aber direkt in die Royal Albert Hall, in den Großen Musikvereinssaal, die Carnegie Hall. Ein Hoch auf die schönen Künste!

www.kef.com
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