Für Karl Wirth ist es eine Frage der Ehre, möglichst viele Teile seiner Plattenspieler in der eigenen Manufaktur herzustellen. Ein Besuch im Schwäbischen bei Acoustic Solid.

von Cai Brockmann & Roland Kraft

Der Name sei Programm!

Es war ein kleiner, aber entscheidender Schritt vom Privatvergnügen bis zur ersten Serienfertigung.Kaum hatte Karl Wirth seinen ersten Plattenspieler in zahllosen Freizeitstunden fertiggestellt, trat er damit – die Kür des Selbermachens – gegen renommierte Namen der Szene an. Und siehe da: Die private „analoge Semesterarbeit“ eines Fertigungsleiters in der Industrie erfreute nicht nur den Erbauer selbst, sondern auch Freunde und Bekannte, und kurz darauf auch die Bekannten der Bekannten. Plötzlich wurde der vollzeitliche REFA-Ingenieur von allen Seiten bedrängt, doch „bitte noch so einen Plattenspieler“ anzufertigen, man zahle auch einen anständigen Preis dafür …
Bekanntlich liegt es den Schwaben im Blut, immer schön aufs Geld zu schauen, auf Qualität zu achten und nie über die Stränge zu schlagen. Also kalkulierte Karl Wirth – ein Schwabe durch und durch – mehrere Szenarien, in denen eine gewisse Anzahl gewisser Laufwerke eine entscheidende Rolle spielten. Und fasste den Entschluss, nach 15 Jahren in der industriellen Fertigung eine eigene Manufaktur zu gründen.

1 Mann, 1 Wort – 2 Häuser?

Acoustic Solid – nomen est omen. Die Entscheidung zur Selbstständigkeit fiel Mitte der 1990er. Ein Jahrzehnt, das für Karl Wirth, Jahrgang 1950, ein paar besonders bewegende Momente bereithielt. Sein Arbeitgeber aus der Automobilbranche stattete ihn zum Abschied mit einem hübschen Sümmchen aus, das neben der Fertigung von Plattenspielern (im schwäbischen Elternhaus) auch den Kauf eines schmucken Häuschens, einer „casa bonita“, in Spanien ermöglichte. Damit sollte ein doppelter Traum wahr werden: eine Hälfte des Jahres Plattenspieler „made in Germany“ bauen, die andere Hälfte die spanische Sonne genießen. Doch der fünfzigprozentige Vorruhestand auf der iberischen Halbinsel war nix für den hundertprozentigen Mechanik-Fan. Das „einfach zu gute Wetter“ langweilte ihn, zudem erforderte eine anständige Fertigung die Anwesenheit des Chefs, Motto: „Man muss es halt richtig machen!“ Kurzerhand verkaufte er seine Casa wieder und investierte den Erlös in das für einen Präzisionsfanatiker einzig Wahre: in noch mehr Präzisionsmaschinen. Die Nachfrage nach Acoustic-Solid- Laufwerken bewegte sich kontinuierlich nach oben, bis schließlich das Elternhaus – mittlerweile bis in den allerletzten Winkel von der Manufaktur belegt – unbestreitbar zu eng wurde. Im Oktober 2002 zog die Firma in neue Räumlichkeiten, nur ein ein paar Kilometer weiter auf der Schwäbischen Alb.

Grenze der Vernunft

In Altdorf sind Roland Kraft und ich jetzt zu Besuch. Die Analog-Manufaktur namens „Wirth Tonmaschinenbau GmbH“ liegt ziemlich exakt auf der Grenze zwischen Wohn- und Gewerbegebiet, halb idyllisch von weiteren rechtschaffenen Unternehmen und grünen Hügeln umgeben. Mercedes-Benz und Hugo Boss sind nicht allzu fern.
In der aktuellen Acoustic-Solid- Residenz, so der Hausherr, gebe es tatsächlich viel mehr Platz als zuvor, doch nun sei auch hier die Grenze des Vernünftigen in Sicht. Angebaut habe man bereits, um dem stetig wachsenden Maschinenpark gerecht zu werden. Doch jetzt, mit der Produktion von gut 400, maximal 500 „Tonmaschinen“ pro Jahr, sei die optimale Größe erreicht. Das Unternehmen könne in diesen noch überschaubaren Dimensionen konzentriert, hochpräzise und familiär produzieren, alles sei fein aufeinander abgestimmt. Und das kann ein ehemaliger Fertigungsleiter, der noch vor der Einführung des Computers mit der Stoppuhr am Fließband Produktionsprozesse optimierte und als frühes Highlight auch schon mal eine ganze Halle durchgeplant hat, nur gut finden.
Bei Acoustic Solid werden immer kleine Serien eines Modells aufgelegt, meist etwa zehn Stück. Die allermeisten der benötigten Werkstücke entstehen hier im Haus, und wenn es dabei um die Be- und Verarbeitung von Metall und Plexiglas geht, blüht Karl Wirth regelrecht auf.

Fertigungstiefe: enorm

Holzteile lässt Acoustic Solid zwar bei einem zuverlässigen Schreiner in der Nähe anfertigen, und auch bei den Tonarmen gibt es ein paar Bauteile, die nicht made by Wirth Tonmaschinenbau sind, der Lift etwa, den man von Rega bezieht. Insgesamt aber darf Karl Wirth voller Stolz behaupten, dass seine Firma eine echte Manufaktur ist, schließlich vereinigen sich hier mehrere Disziplinen einer höchstqualitativen Fertigung unter einem Dach. Hier werden massive Aluminiumblöcke in feine Scheiben gesägt, mit CNC-Maschinen bearbeitet und zu Motordosendeckeln oder Basen für Laufwerke oder Tonarme veredelt. Hier werden die unterschiedlichsten Präzisionsdrehteile feinstgewuchtet, hochglanzpoliert und zu beeindruckenden Plattentellern geformt. Und dann demonstriert uns der Chef in aller Ausführlichkeit sein eigenes Tellerlager-Ensemble, dessen Buchse aus einem speziellen Hightech-Kunststoff gegossen wird und das derart enge Toleranzen ermöglicht, dass zwischen Tellerachse und -buchse ein Spaltmaß nahe null herrscht. Wir bewegen uns hier am Limit des technisch Möglichen, und selbst Kollege Kraft, mit derlei Werkzeugen auf Du und Du, zeigt höchsten Respekt für den Gerätepark und ist insbesondere von Fertigungstiefe und -qualität tief beeindruckt.
Eine Vollauswahl der Wirth’schen Tonmaschinen steht nebenan im Demo-Raum bereit, vom Einsteigermodell über neuzeitliche „Klassiker“ bis zu einem mit Swarovski-Steinen übersäten Show-Sondermodell. Auch das bohrinselartige Flaggschiff, im Umfeld einer anhaltenden Analogfaszination (und prominenter Konkurrenz) wohl kaum vermeidbar, ist vor Ort. Was denn sein persönliches Lieblingsmodell sei, will ich von Karl Wirth wissen, und er verrät mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, dass für ihn die „Solid Machine“, ein elegantes und eher zurückhaltendes Design, seine „Rothaarige mit Sommersprossen“ sei.

Triumph des Herrenreiters

Bei gestandenen Kerlen manifestieren sich persönliche Vorlieben aber nicht nur für Traumfrauen und Tonmaschinen, sondern auch für fahrbare Untersätze. Und Karl Wirth war mir als glühender Alfa-Fan in Erinnerung. Doch vor dem Werkstor steht ein dunkler Mercedes – nanu? Wieder dieses leise Lächeln: Acoustic Solid exportiere weltweit und mit einem gewissen Stolz Produkte „made in Germany“, da habe so mancher Distributor überhaupt nicht verstanden, dass er nach seiner Ankunft am Flughafen (zumal in Stuttgart!) vom Chef mit einem nichtdeutschen Auto abgeholt werde. Daher jetzt: Benz statt Alfa Romeo. Zum Ausgleich, muss ja nicht jeder wissen, hole er an schönen Wochenenden eine klassische Engländerin aus der Garage, sein „Pferd für Herrenreiter“: eine Triumph Bonneville mit drei Zylindern und coolem Sound.
Zum Abschluss unseres Reports besuchen wir auch den zweiten Demo-Raum im Haupthaus, der mit Kuriositäten (Ziegenbart-Plattenbeschwerer und lederbezogene Parkhöckerchen) gespickt ist und an dessen Wänden, wie übrigens auch in Büro und Verwaltung, ganz besondere Bilder auf Betrachter warten. Sie stammen aus dem Atelier von Erna Wirth, die ihren Mann seit 42 Jahren nach Kräften unterstützt. „Das alles wäre sonst nicht durchzuhalten gewesen“, sagt Karl Wirth und lobt gleich noch einmal den familiären Zusammenhalt. Denn auch Tochter und Schwiegersohn sind fest im Unternehmen verankert, selbst die dritte Generation steht schon bereit. Na gut, derzeit krabbelt der Allerjüngste noch auf einer kuscheligen Decke neben dem Schreibtisch herum, zum Maschinenpark sind es aber nur ein paar Meter – oder nur ein paar Jahre. Wer braucht da schon eine „casa bonita“ in Spanien?

www.acoustic-solid.com
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