Akribische Western-Electric-Nachbauten, beeindruckende Röhrenverstärker, außergewöhnliche Produktideen und nun auch neue (alte) Röhren. Ein „Geht nicht“ gibt es offenbar nicht …

von Roland Kraft

Neunzehnhunderteinundneunzig veröffentlichte das US-Röhrenmagazin Glass Audio einen Artikel von Alan Douglas, in dem der insbesondere durch seine Bücher bekannte amerikanische Röhren- und Klassiker- Guru anhand einiger Ausgaben eines japanischen Magazins recht verwundert über die japanische Audio- und Selbstbau-Szene berichtete. A. Douglas leitete seine Story so ein: “The state of vacuumtube audio in japan is like a black hole, or perhaps (pardon the pun) a gigantic Hoover: everything gets sucked in, but very little comes out.” Mit seinem Staubsauger-Vergleich bezog sich Douglas – auch aus eigener Erfahrung – auf die schon massiven Aufkäufe von Zwischenhändlern, die klassische und antike Audiotechnik für damalige US-Verhältnisse recht großzügig bezahlten. Die aus den Anzeigen im MJ Magazine (japanisch: „Musen to Jikken“, deutsch: „Radio und Experimente“) ersichtlichen Differenzen zwischen Ankaufs- und Verkaufspreisen bewiesen dann konkret, wie außergewöhnlich das japanische Interesse an altem Audio-Equipment war (und ist). Ganz abgesehen davon, dass unsereinem die 1991er Preise für bestimmte alte Verstärker, Lautsprecher und Röhren wie Sonderangebote vorkommen.Eine der vielen Röhren, die durch den japanischen Staubsauger schon frühzeitig praktisch restlos aus den Regalen der Röhrenhändler verschwanden, war die Western Electric 310A, genau jene große Pentode, die einst von WE unter anderem in dem berühmten 300B-Kinoton-Verstärker No. 91A verwendet wurde, sozusagen der Vorfahre aller heutigen 300B Konzepte. Sowohl Profis als auch Selberbauer wichen letztlich notgedrungen – oder weil sie glaubten, es besser zu wissen – auf andere Röhrentypen aus, was uns beispielsweise auch eine Unmenge von ziemlich langweiligen 300B-Amps mit 6SN7- oder ECC-XX-Eingängen bescherte, deren Klang mit jenem des vom Teamwork Pentode/Endtriode geprägten Ur- 300B herzlich wenig zu tun hat(te). Aber, wie man so schön sagt, was weg ist, ist weg. Abgesehen von an sich naheliegenden, aber nicht einsteckkompatiblen Ausweichmöglichkeiten (328A, 6C6) sollte man glauben, dass die rührige chinesische Röhrenindustrie den Bedarf schnell erkannt und Ersatz geliefert hätte. Aber weit gefehlt. Es bedurfte erst eines viel komplexeren Vorhabens zweier chinesischer Brüder, um die gute alte 310A quasi als Nebenbei-Produkt wieder aufleben zu lassen.

Line Magnetic Audio
wurde von den Brüdern Zheng gegründet. Beide arbeiteten vorher bei der hierzulande schon länger bekannten Firma Cayin Audio. Der ältere der beiden Brüder machte sich frühzeitig mit einer eigenen Firma selbstständig, die sich der Reparatur und Restauration alten, nein, man muss eigentlich schon formulieren: antiken Western-Electric-Equipments widmete. Schon damals reifte die Erkenntnis heran, dass die klassische Kombination 310A/300B die klanglich wohl am meisten versprechende Variante eines SE-300BVerstärkers darstellt. Etwa um 2005 herum verließ auch der jüngere der beiden Zheng-Brüder Cayin und startete mit einer eigenen Röhrenverstärker- Linie unter dem Label Line Magnetic durch, gleichzeitig begann man auch damit, exakte Nachbauten der insbesondere in Asien hoch begehrten WE-Raritäten zu entwickeln und zu fertigen. „Unglücklicherweise“, heißt es in einer knappen Zusammenfassung der Line-Magnetic-Geschichte, produziere aber keine einzige Röhrenfabrik die 310A, weshalb die einzig für Verstärker-Nachbauten zur Verfügung stehenden Röhren teure Originale wären, die obendrein kaum noch zu bekommen seien. Der mutige Entschluss, die nicht unkomplizierte Pentode – natürlich in der von Kennern am höchsten eingeschätzten „small punch“- Version (damit ist die Größe der Löcher im Anodenblech gemeint) wieder aufzulegen, war deshalb nur konsequent und mündete in einer zweijährigen Entwicklungszeit, die mangels eigener Herstellmöglichkeiten im Teamwork mit den bekannten Röhrenspezialisten von Shuguang vonstatten ging.

Mittlerweile
steht also eine Line- Magnetic-310A zur Verfügung, darüber hinaus auch eine höchst beeindruckende Produktpalette, die nicht nur eine umfangreiche eigene Verstärkerlinie, sondern auch zahlreiche Western-Electric-Nachbauten umfasst, übrigens einschließlich jener mannshoher Verstärker-„Schränke“, die WE-Amps vom Typ 41/42/43-A umfassen. Als ganz besonderes Kapitel dürfen die äußerst präzisen Repliken von WE-Treibern und Hörnern gelten, und als echtes Schmankerl verdient auch der Breitbänder vom Typ 755 genannt zu werden, dem unter Liebhabern der Materie fast schon magische Fähigkeiten nachgesagt werden. Dass kurzfristig auch eine neue 300B auf dem Programm steht, deren Entwicklung sich bereits im Nullserienstadium befindet, ist vor diesem Hintergrund kein großes Wunder. Bei diesem Projekt arbeitet Line Magnetic mit Psvane zusammen, und dabei geht es um nicht weniger als um einen perfekten Klon des Vorbilds und glücklicherweise eben nicht um eine jener zahlreichen verschlimmverbesserten „300Bs“, von denen ich glaube, dass man sie der Korrektheit halber mit völlig anderer Bezeichnung hätte präsentieren sollen.

Die LM-310A
ist jedenfalls elektrisch als gelungenes Stück Röhrentechnik zu bezeichnen und klingt zumindest für meine Ohren um keinen Deut schlechter oder anders als eine WE-310A. Auch messtechnisch hangeln sich zumindest meine beiden Probeexemplare der Line- Magnetic-Röhre präzise am Vorbild entlang, die zu erwartende Lebensdauer kann im jetzigen Stadium erwartungsgemäß noch nicht kommentiert werden. Was die Mechanik angeht, so ist da noch das ein oder andere Problem zu verzeichnen, beispielsweise sind die Sockelstifte in den Sockeln noch nicht fest genug verankert, außerdem sind einige der Anschlussstifte ungleich lang und die Gitterkappen gerieten im Durchmesser etwas zu klein (bei der 310A ist der obenliegende Anschluss nicht die Anode, sondern das Steuergitter). Die üblichen Anschlusskappen fanden so nur sehr schlecht ordentlichen Kontakt. Solche Probleme sollten mit weiteren Produktions-Chargen jedoch sicherlich lösbar sein. Dass nun erstmals tauglicher Ersatz für die 310A zur Verfügung steht, ist jedenfalls eine feine Sache; die Perspektiven zeigen uns die Chinesen gleich anhand einer Verstärkerserie, die – so viel sei jetzt schon verraten – selbst alte Hasen in Erstaunen versetzen und auf der High End 2012 in München präsentiert werden wird. Quasi als winzige Vorspeise können wir uns jetzt schon mit einem kleinen Line-Magnetic-Gerät beschäftigen, das VO-2 heißt und unter „Ladder Type Transformer Attenuator“ läuft – eine rein passive, induktive Lautstärkeregelung oder auch ein sogenannter passiver Vorverstärker. Herzstück des VO-2 sind zwei gekapselte Übertrager mit Permalloy- Kern, deren Sekundärwicklungen mithilfe eines Wahlschalters abgestuft angezapft werden; je nach Anzapfung steht der volle oder auch – in 23 Stufen – ein jeweils geringerer Übersetzungsfaktor (bis – 54 dB) zur Verfügung. Diese aufwendige Art der Pegelregelung ist beileibe keine neue Erfindung, sondern vielmehr wieder eine Rückbesinnung auf alte, nichtsdestotrotz hervorragend funktionierende Prinzipien, wenn – und das ist der Knackpunkt – die verwendeten Übertrager richtig gemacht sowie von höchster Güte sind und damit neuzeitliche Anforderungen an die Übertragungsbandbreite erfüllen, insbesondere was die Wicklungskapazität angeht, die den Frequenzgang nach oben hin begrenzt. Was mit dem VO-2 nach meinem Dafürhalten fraglos auch gelungen ist. Das Konzept bietet zudem nicht von der Hand zu weisende Vorteile. So sind Quelle und Last galvanisch voneinander getrennt, was Brummschleifen verhindert. Viel wichtiger ist jedoch, dass das Ausgangssignal bei Pegelabschwächung zwar notwendigerweise mit geringerer Spannung, dafür aber mit entsprechend höherem Strom und sogar kleiner werdender Ausgangsimpedanz zur Verfügung steht, während die Ausgangsimpedanz bei Maximallautstärke etwa jener der Quelle entspricht. Mit anderen Worten: kein Abfall zu hohen Frequenzen hin und voller Dynamikumfang auch bei geringen Hörpegeln.

Mit Acoustic Plans Digi- Master
oder der formidablen Einstein- Phonostufe verbunden, bot der VO-2 maßstabsetzende Transparenz und stupende Dynamik. Voraussetzung sind fraglos relativ kräftige Signalquellen mit niedriger Ausgangsimpedanz, aber dann steht einem regelrechten Klang-Abenteuer nichts mehr im Weg. Mir persönlich gibt der Line-Magnetic-Pegelsteller mehr als nur zu denken, weil ich zugeben muss, dass das klangliche Endergebnis deutlich besser ist als unter Zuhilfenahme selbst hochkarätiger Vorstufen. Merke: Das annähernde Nichts im Signalweg ist kaum zu übertreffen. Und was dieses sowie weitere Produkte von Line Magnetic angeht, so kann ich bereits für die nächste Ausgabe von FIDELITY ein ebenfalls hochinteressantes Thema ankündigen.

www.fidelityimports.de

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