Ayon-Chef Gerhard Hirth läutet das Gespräch über den Streamer S-3 mit dem Hinweis auf ein 75-seitiges Kompendium ein: Man dürfe, so der Österreicher, die Probleme mit Netzwerkspielern im Handel und bei den Kunden nicht einfach wegleugnen. Es sei eine Tatsache, dass das notwendige Know-How vielerorts kaum vorhanden wäre und dass selbst an sich erfahrene Verkäufer und Endverbraucher gewisse Berührungsängste vor dieser Technik hätten. Deshalb habe seine Firma zusätzlich zur normalen Bedienungsanleitung des Streamers eine umfangreiche Informationsbroschüre mit präzisen Anleitungen erstellt. Genau jene Broschüre ist es auch, die mir noch ein wenig auf die Sprünge half.

von Roland Kraft

Berührungsängste pflege ich zwar keine, ich bin zugegeben nicht nur ein notorischer Röhrenfreak, sondern – seltsamerweise? – auch ein echter Fan von allem, was mit „Computer- HiFi“ zu tun hat. Allerdings bestand mein „Computer-HiFi“ seit längerer Zeit lediglich aus einem iMac plus externer Festplatte plus D/A-Wandler. Ein kleines Netzwerk kam erst vor kurzem hinzu, ausgelöst von einem neuen Router, der nun auch eine „Haus-Festplatte“ verwaltet. Da ich nicht zu jenen Leuten zähle, die Bilder und Videos en masse sammeln, ist besagte Festplatte bis auf den üblichen Bürokram praktisch leer. Also die Gelegenheit, einen Stapel Musik aus den iMac-Festplatten „umzufüllen“! Aber lassen Sie uns zuvor über etwas anderes reden. Ein Grund, vor Netzwerklösungen zurückzuschrecken, ist völlig profan: Zur Standardausstattung von Häusern und Wohnungen zählen Netzwerkverkabelungen noch lange nicht. Das sattsam bekannte Ausweichmanöver heißt WLAN – ein Feature, über das auch der Ayon S-3 verfügt – und gilt trotz der Übertragungsmöglichkeiten bis hin zu 24/96-Dateien als noch nicht vollends High-End-tauglich, außerdem bleiben hier HD-Audiofiles vom Typ 24/192 üblicherweise außen vor. Die naheliegende Lösung des Problems stellt eine kleines „Ein-Raum“- Netzwerk eigens für die HiFi-Anlage dar, das mithilfe eines Routers und notfalls mit nur einer einzigen netzwerkfähigen Festplatte realisiert werden kann. WLAN dient dann nicht dem eigentlichen Streaming, sondern ermöglicht die Bedienung des Ayon- Streamers via iPad, iPhone oder auch über Android-basierende (Tablet-)Rechner.

Apropos Streaming: Das bedeutet nichts anderes, als dass sich unser Streamer, also in diesem Fall der Ayon, die Daten kontinuierlich von den oder der im Netzwerk befindlichen Festplatte(n) holt, sie folglich nicht selbst speichert. Dieser Vorgang ist nur möglich, wenn sich eine dafür geeignete Software – ein sogenannter Media Server („UPnP Streaming“) – mit auf den Festplatten befindet. Auf den üblichen NASPlatten ist eine solche Software schon vorinstalliert; benutzt man einen Rechner mit angeschlossener Festplatte als lokalen Server, muss das Programm (etwa Twonky Media Server) auf eben diesem Rechner installiert sein und gleichzeitig müssen die entsprechenden Datei- und Ordnerfreigaben vorgenommen werden. Erst dann erkennt ein ebenfalls am Netzwerk angeschlossener Netzwerkplayer die vorhandenen Musik-Datenbanken. Zu diesem ganzen Installationsthema sparen die umfangreichen Ayon-Anleitungen nicht mit Tipps und präzisen Hinweisen, Respekt vor der Prozedur ist also wirklich unnötig. Normalerweise dient der Computer dann nur noch dem „Rippen“ der CDs oder dem Download von Musikdaten, die schließlich auf der Netzwerkplatte abgelegt werden. An sich sind dank der Unterstützung der Ayon-Broschüre nur noch wenige Fälle denkbar, bei denen man trotzdem auf die Hilfe eines kundigen Händlers angewiesen ist, nämlich dann, wenn man noch niemals mit einem Computer in Berührung kam oder noch nie eigenhändig irgendetwas zusammengestöpselt oder Software installiert hat.

Doch beim Ayon handelt es sich nicht nur um einen heutzutage schon wieder als simpel zu bezeichnenden Netzwerkplayer. Vielmehr birgt das Multitalent in seinem schweren Aluminiumgehäuse auch gleich einen D/A-Wandlertrakt sowie einen fernbedienbaren Vorverstärker mit röhrenbestückter, kräftiger Ausgangsstufe und reichlich Anschlussmöglichkeiten. Röhren zählen bei Ayon sprichwörtlich zum guten Ton und damit zur Firmenphilosophie, weshalb der S-3 eine reizvolle, so nur höchst selten anzutreffende Verbindung zwischen Röhrenklang und hochmoderner netzwerkbasierender Unterhaltungselektronik darstellt. Auf High- End-Niveau, versteht sich, wobei man weder auf die Bequemlichkeit bildschirmorientierter Bedienung noch auf HD-Wiedergabe bis hin zum Format 24/192 verzichten muss. Ob das Tonformat 24 bit/192 kHz wirklich langfristig Sinn macht, wage ich persönlich übrigens zu als das dem CD-Standard ohnehin deutlich überlegene 24/96. Insbesondere der Trend, geradezu krampfhaft jedes Material einem 192-Kilohertz- Upsampling zu unterwerfen, entspringt wohl eher einer aktuellen Modeerscheinung, tatsächlich gibt es inzwischen diverse Wandler, die dem Nutzer diesbezüglich schon gar keine Wahl mehr lassen. Ich persönlich halte es aus der Erfahrung heraus für viel sinnvoller, sich ohne großes Herumwursteln am Material stets die native Auflösung anzuhören. Nichtsdestotrotz bietet auch der S-3 die 192-kHz-Upsampling-Option per Tastendruck an. Aber dass vereinzelt sogar noch höhere Samplingfrequenzen als 192 Kilohertz propagiert werden, kommt mir reichlich übertrieben, um nicht zu sagen völlig sinnfrei vor.

Wer davon einmal ganz abgesehen auf „unbeeinträchtigte“ Analogwiedergabe Wert legt, wird erfreut feststellen, dass der Ayon-Streamer seine beiden Analogeingänge ohne zwischengeschaltete A/D-Wandlung bis zum Ausgang durchschleift, womit beide Signalwege – der analoge und der digitale – sozusagen in puristischer Form zur Verfügung stehen. Mit dem Ayon-Streamer als Vorverstärker zu liebäugeln ist folglich alles andere als falsch, zumal seine mit russischen Nobel-Röhren vom Typ 6H30 bestückte Ausgangsstufe es klanglich mit allem aufnehmen kann, was als gut und teuer gilt. Mehr als nur erwähnenswert – und zwar eher weniger im Zusammenhang mit digitalen Aufnahmegerätschaften – ist auch der digitale Ausgang des Netzwerkers: die bereits jetzt extrem vielversprechenden, aber immer noch ziemlich teuren digitalen Raumkorrektur- und Lautsprecher-Prozessorsysteme könnten hier Anschluss finden, womit der S-3 zukünftigen Anforderungen absolut gewachsen sein dürfte. In diesem Zusammenhang kommt natürlich die Frage nach der Pegelregelung des analogen Ausgangs auf. Die passiert nämlich nicht auf digitaler, sondern auf analoger Ebene mithilfe eines digital angesteuerten Widerstandsnetzwerks. Via Schalter lässt sich diese Mimik auch komplett umgehen, nachgeschaltete Geräte, genauer gesagt Voll- oder Vorverstärker werden dann mit festem Pegel versorgt, während andernfalls etwa analog angesteuerte Aktivlautsprecher oder Endstufen über die Pegelregelung versorgt werden. Für eine faustdicke Überraschung sorgte dann bei mir der Wandlertrakt des Ayon nebst der bereits erwähnten Röhren- Ausgangsstufe: Via den koaxialen Digitaleingang direkt aus dem iMac über den Weiss INT 202 beliefert (ein Firwire/ Koax-Umsetzer), offenbarte sich der Streamer als echter Klangkünstler, der meinem üblicherweise favorisierten DigiMaster- Wandler von Acoustic Plan in nichts nachstand. Der S-3 bot sogar eher noch eine Spur mehr Tieftondruck und schien mir im Hinblick auf die tonale Balance eine Winzigkeit runder zu spielen. Das Ergebnis ist ein durchweg charmanter, entspannter, voller und dennoch leichtfüßiger Klang mit enorm viel Souveränität, der nach meinem Dafürhalten nur schwer zu toppen sein dürfte und letztlich von der Tonqualität der Konserve bestimmt wird. Die enge Verwandtschaft zu den großen Vorverstärkern aus gleichem Hause – die ich in puncto Klang zu den beeindruckendsten Komponenten überhaupt zähle – ist übrigens unüberhörbar, was dem S-3 unter den Streamern wohl eine einsame Spitzenposition verschaffen dürfte.

Dennoch ist auch Kritik fällig, freilich an ganz anderer Stelle. Und zwar an einer, die sich der S-3 mit anderen Vertretern seiner Gattung redlich teilt. Gemeint ist das Herzstück des Geräts, nämlich das Streaming selbst resepktive die damit zusammenhängende Bedienung. Was auf der Festplatte normalerweise in Form von Ordnern und „darunterliegenden“ einzelnen Tracks verewigt ist, stellt in vielen Fällen schon nicht weniger als Hunderte, womöglich sogar Tausende von einzelnen Titeln dar, die sich selbst auf so gut gemeinten, schon relativ großen Farbbildschirmen wie jenem des S-3 schlicht und ergreifend niemals übersichtlich darstellen lassen. Im Grunde genommen scrollt man sich einfach an den Rand von schlechter Laune, sei es nun mit den kleinen Navigationsknöpfchen am Gerät oder via Fernbedienung. Will sagen: Letztlich führt an einer wie auch immer gearteten, deutlich zweckmäßigeren, WLAN-basierten Benutzeroberfläche – etwa einem iPad oder einem Android-Tablet, für das ebenfalls eine Bediener-Software kommt – kein Weg vorbei. Eine entsprechende iPad-App, so Ayon-Chef Gerhard Hirth, ist praktisch fertig und wird mit dem Erscheinen dieser Story bereits zur Verfügung stehen. Und damit sollte das Wühlen in den Musik-Vorräten kinderleicht und mit Ansicht der Covers von der Hand gehen, ich persönlich empfehle als Apple-Fan augenzwinkernd, nach einem gebrauchten iPad der ersten oder zweiten Generation Ausschau zu halten, womit die Kosten einer solchen Edel-Fernbedienung doch gleich wieder ganz anders aussehen.

Die klangliche Güte des Ayon S-3 ist es auch, die eine weiterführende Überlegung auslöst, nämlich ob vollständig analoge, reine Vorverstärker nicht schon zu einer aussterbenden Spezies zählen könnten – was die Verfechter volldigitaler Ketten bis „kurz“ vor dem Lautsprecher schon längst fröhlich bestätigen würden. Wer allerdings wie ich sowohl am Vinyl festhält als auch die Möglichkeiten des Computer-HiFi reizvoll findet, der wünscht sich darüber hinaus noch einen puristisch ausgelegten, analogen Signalweg – oder einen Ayon-Streamer MK II mit Röhren-Phonostufe. Träumen ist ja erlaubt.

www.ayonaudio.de

Technik im S-3

Es ist letztlich die renommierte österreichische Firma StreamUnlimited,die dem S-3 mit ihrem Stream-700-Modul, hier inklusiveeiner Masterclock zur Taktung der D/A-Wandler, erst seineNetzwerkfähigkeiten verpasst. Software-Updates des Gerätsvia Netz sind vorgesehen und jederzeit möglich. Als D/A-Wandlerkommt der PCM 1792 zum Einsatz, die Pegelregelung aufanaloger Ebene übernimmt ein hoch beleumundeter Bausteinvon Burr-Brown (PGA 2320), der bei Bedienung des rückseitigenSchalters wahlweise aus dem Signalweg verschwindet.Ein zusätzliches Schmankerl: Der Ayon kann mit einer Verstärkungsumschaltungaufwarten, die sechs zusätzliche Dezibelzur Verfügung stellt. Für die serienmäßig ebenfalls eingebautensymmetrischen Ausgänge gilt aufgrund der recht puristischgeschalteten, gegenkopplungsfreien Röhren-Ausgangsstufeeine Einschränkung in Bezug auf die Spielpartner: Die solltennämlich mit mindestens 47 Kiloohm Eingangsimpedanz aufwarten.Abgesehen von nicht weniger als zehn Spannungsreglernfür die übrige Elektronik kümmern sich Gleichrichterröhrennebst einer Siebdrossel um die Stromversorgung der beidenAusgangs-Doppeltrioden vom Typ 6H30, womit die harte Röhrenfraktionerstmals mit einem Streamer konfrontiert wird, derin puncto reine Lehre wohl keine Wünsche offen lässt. Netzfilter,in Analog- und Digitalsektion getrennte Stromversorgungen,Folien-Filterkapazitäten, hochkapazitive Elkos sowie eineSoftstart-Vorrichtung zählen zum Ayon-Standardrepertoire;ebenso natürlich Platinen mit vergoldeten Leiterbahnen, Teflon-Röhrenfassungen und last but not least ein extrem dickwandigesAluminium-Chassis mit massiven verchromten Knöpfen.

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