Artist:
Neko Case

Title:
The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love

Label; Format:
(Anti; CD)

1.
Muss ein anständiger Albumtitel irgendwie lang sein?

Keinesfalls. Kurz und knapp ist Pop. Und das ist gut. Lange Albumtitel hingegen müffeln sofort nach ProgRock oder intellektuellem Gewirx und sind mir ähnlich suspekt wie die Frage, ob ich jemandem einen „klitzekleinen Gefallen“ tun könnte. Es dauert dann immer irgendwie viel zu lange.
Egal. Letztlich bleibt von „The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love“ ja doch nur der erste Teil übrig, also „The Worse Things Get …“ oder noch weniger. Es sei denn, ich muss unter irgendwelchen Studenten mit unnützem Wissen brillieren.
Vergleichbares gilt natürlich auch für (zu) lange Bandnamen. Frankie Goes To Hollywood markiert praktisch meine Aufmerksamkeitsobergrenze im Popbiz, von The Presidents Of The United States Of America bleibt nur das Nötigste übrig (und die fix eingebrannte Erinnerung an einen der allerbesten Livegigs ever, daher meine quasi unerschütterliche Geduld mit den Präsidenten). Einfach unschlagbar sind Künstlernamen wie The Who, U2, Prince und Sting, die Band „A“ hingegen hat nur Vorteile beim alfabetischen Einsortieren, ansonsten erscheint mir der „Name“ genauso blöd, wie eine Band „Live“ zu nennen. Jaja, witzick. Nur gut also, dass Neko (sprich: Niko) Case nicht ihre „middle names“ kundtut. Falls sie welche hat.

2.
Sollte ich Neko Case kennen?

Wenn ich ein aufmerksamer Billboard-Verfolger und Charts-Junkie wäre, dann schon. Die Dame war offenbar mehrfach für den Grammy nominiert und hatte vor ein paar Jahren einigen Verkaufserfolg vorzuweisen. Das ist mir aber völlig entgangen. Weil’s mir egal war und ehrlich gesagt auch immer noch ist. Gute, melodiöse Songs schreibt Neko Case ja trotzdem. Fakt ist: Ich kannte die Dame bis eben gerade nicht. Doch bereits nach wenigen Minuten und ein paar sehr schönen und auch ein paar rumpelig-ruppigen Popsongs mag ich sie, finde sie faszinierend und will sie unbedingt beim nächsten Live-Konzert erleben. Denn das kann sie auf jeden Fall: singen. Und gute Songs schreiben auch. Aber das sagte ich ja bereits.

3.
Tut Schmutz gut?

Ein guter Popsong kann klinisch rein klingen. Kann. Sollte aber nicht, denn das wird schnell langweilig. Ein wirklich exzellenter Popsong hat immer irgendeine scharfe Kante, eine gut dosierte Rauigkeit hier, eine „schmutzige“ kleine Akkordüberraschung dort zu bieten – oder wenigstens eine leicht übersteuerte Gitarre. Und genau das bietet „The Worse Things Get …“ (sic!) schon in Minute eins. Und was gibt es Schöneres zum Einstieg als eine klare, helle Stimme, die von einer geschmackvoll angezerrten Gitarre begleitet wird? Genau: nichts. Daher lasse ich mich gern von „Wild Creatures“ ins Album hineinziehen. Ich fresse den zarten Schmutz willig und gern.

4.
Wer achtet schon auf die Texte?

Ich nicht, tut mir leid. Jedenfalls niemals beim ersten Hören. Und auch nicht beim zweiten Mal. Es sei denn, es wird in Deutsch gesungen, dann schon. Aber trotz recht passabler Englischkenntnisse kommt bei mir immer zuerst die Musik, die klangliche Komposition. Dann gleich nochmal die Musik – und irgendwann der Text. Vielleicht. War schon immer so. Ist bisweilen ein großer, unverzeihlicher Fehler, ich weiß. Aber so ticke ich nunmal. Selbst bei der Acapella-Nummer „Nearly Midnight, Honolulu“ gehen mir zuerst die Harmonien ins Ohr und dieser künstliche, effektvolle Turnhallen-Hall, aber auch der Kontrast einer klaren Frauenstimme und ’ner Menge F-Wörter.

5.
Was hat die Dame eigentlich früher so gemacht?

Bei einer Blitzrecherche finde ich viele sympathische Dinge über Neko Case heraus: So spielte sie nicht nur Schlagzeug (ich liebe Drums!) und nannte eine eigene Band Neko Case & Her Boyfriends, was ein guter Bandname ist, sondern war auch schon mit einer anderen Band mit dem vielversprechenden Namen The New Pornographers unterwegs – ich sage ja: Ein bisschen Schmutz muss einfach sein! Weitere Connections führen beispielsweise zu Calexico und Los Lobos …

6.
Calexico? Los Lobos – die mag ich doch?!?

Ja, die Los-Lobos-Alben „This Time“ und „Good Morning Aztlan“ klingen genauso schäbig komprimiert wie dieses hier. Ein einziges Trauerspiel ist das mit der Nichtdynamik! Aber auch da sind halt ein Haufen guter Songs drauf. Da erträgt man den mies eingedampften Sound einfach besser.

7.
Also, ist das jetzt ein gutes Album oder was?

Songmäßig ja, soundmäßig nein.

8.
Habe ich da gerade ein „that was awesome“ gehört?

Yep. Nach dem eigentlichen Ende des letzten Songs läuft die Uhr des Players noch weiter und eine knappe Minute lang ist gar nichts zu hören, bis dann in den letzten Sekunden der ohnehin kurzen Scheibe (38 Minuten, war früher mal’ne gute LP-Länge) irgendwelche Take-Out-Soundschnitzel aufschrecken. Ich dachte eigentlich, dass dafür längts ein amtliches Bußgeld erhoben wird. Übermäßig originell ist dieser Gag aus der Urzeit der Digitaltechnik jedenfalls schon lange nicht mehr.

9.
Dann drück das nächste Mal doch einfach rechtzeitig auf Stopp!

Ich schalte lieber zurück auf Anfang. Ist’n interessantes, gutes Album.

10.
Wie heißt es nochmal?

Für Dich: TWTGTHIFTHIFTMIL. „The Worse …“ halt.

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