Warum der Autor einen Schweigekodex brechen und trotzdem ohne Bestrafung davonkommen muss …

von Claus Volke

Diese Kabel müssen Sie gehört haben!“ Ich gehe davon aus, dass bei Ihnen das Gleiche passiert wie bei mir, wenn Sie eine so vollmundige Ankündigung hören. Genau: gar nichts! 

Nun ist es aber so, dass diese Ansage von Volker Kühn stammt, den ich persönlich seit zwei Jahrzehnten sehr schätze. Nicht nur als einen wirklich musikbegeisterten Menschen und als Inhaber von Black Forest Audio, sondern insbesondere auch durch seinen langjährigen Vertrieb der Produkte von Kondo, Audio Note Japan. So haben mich seit vielen Jahren alle Geräte von Kondo immer wieder tief berührt. Die Silberkabel-Serie der Japaner hat mich dabei als einzige noch mehr fasziniert als die in allen meinen Anlagen befindlichen NF- und LS-Kabel vom Auditorium 23. Aufgrund des gleich mehrfach so hohen Preises der Kondo-Kabel dürfte aber auch nachvollziehbar sein, warum nur in einer meiner Anlagen eine Komplettverkabelung dieses japanischen Meisters spielt. Wenn also nun Volker Kühn behauptet, dass die neue Version der KSL-LPz- und KSL-SPz-Kabel die Vorgänger der KSL- und SP-Serie noch einmal übertreffen soll, werde ich wach und genau. Und bei 3790 Euro für ein Paar NF-Kabel (1 m lang) und 5800 Euro für zweimal drei Meter Lautsprecherkabel werde ich verdammt genau …

„Silber“ lautet das Stichwort

Doch zunächst einmal die Fakten. Kondo selbst gibt sie folgendermaßen an: „KSL LPz: Pure silver interconnect; 4 cores with braided shield, 0,1 x 52 x 2 (with silk windings); 0,15 x 20 x 2 (with silk windings), Audio Note RCA plug. KSL SPz: Pure silver, 8 cores with braided shield; 0,2 x 10 x 8, Audio Note pure silver pin“. Die Daten lassen erkennen, dass es sich hier nicht um ein einfaches Kabel von der Rolle eines Fremdanbieters handelt, dennoch sind die Angaben auch nicht völlig ungewöhnlich.
Was also machen Kondos Kabel so anders, dass es weltweit immer mehr Musikbegeisterte gibt, die derart hohe, öffentlich eigentlich gar nicht mehr kommunizierbare Preise ohne Murren zu zahlen bereit sind, um dann still, leise und schelmisch grinsend nach Hause zu fahren? Die nach der Installation hoch und heilig schwören, mit niemandem über diese Kabel oder deren Preis zu sprechen? Nun, ich kann es verstehen, heute mehr denn je. Und ich werde nun hier, entgegen des offensichtlich unausgesprochenen Kodex der Kondo- Jünger, mein Schweigen brechen …
Über Hyroyasu Kondo, der leider schon Anfang 2006 verstarb, und dessen Nachfolger, Masaki Ashizawa, der die seit 1976 bestehende Firma seitdem in dessen Geist weiterführt, ist schon viel geschrieben worden. Und ein bestimmter Begriff fällt dabei immer: Silber. Altes, abgelagertes und heute von Hand kunstvoll verarbeitetes Silber. Wer sich für High-End-Audio interessiert, kennt sicherlich auch die Verstärker der japanischen Manufaktur, deren klangentscheidende Hauptbestandteile meist ganz aus Silber bestehen, ganz gleich, ob es sich um einzeln von Hand hergestellte Kondensatoren, Kabel oder sogar ganze Übertragerwicklungen handelt. In einigen der Geräte sind bis zu zehn Kilo des Edelmetalls verbaut, pro Stück, versteht sich. Aber ist dies wirklich schon alles? Ist das Material allein bereits das ganze Geheimnis und der Grund für den mystischen Ruf der Marke? Nein, das wäre sicher zu einfach, könnten es Kondo dann doch andere gleichtun. Aber was ist es dann?

Was ist Musik, was ist Klang?

Hyroyasu Kondo war jemand, der die Natur des Klangs und der Musik erforschte. Er entwickelte seine Geräte, indem er sich zunächst technisch, aber auch in einer gewissen Form philosophisch auf die Ebene der Elektronen begab und dann prüfte, mit welchen Mitteln, unabhängig von Aufwand, Material oder Preis, Musik in ihrer reinsten Form reproduziert werden kann. Versuchen wir der Faszination der Kabel auf den Grund zu gehen, indem wir uns nun zunächst der Musik so annähern, wie Kondo selbst dies getan hat. Trennen wir uns von allem Technischen und schauen wir auf das, um das es uns eigentlich geht: Musik.
Es gibt viele Definitionen von Musik, aber ganz sicher nicht „die einzig richtige“. Musik erzeugt eine rein individuelle Reaktion – und diese ist praktisch niemals in der gleichen Form und subjektiv empfundener Intensität wiederholbar oder unendlich häufig reproduzierbar. Es hat sogar etwas Maßloses, wenn man etwa versucht, ein bewegendes und vielleicht als einmalig empfundenes Konzert durch eine Aufzeichnung immer wieder neu erlebbar machen zu wollen.
Der Pianist, Komponist, Dirigent und Denker Ferruccio Busoni bezeichnete Musik einmal als „klingende Luft“ – und das ist nicht nur aus physikalischer Sicht ein wirklich interessanter Erklärungsansatz. Widmen wir uns also dem, was uns hilft Musik wahrzunehmen: dem Klang. Durch den Klang wird die Musik schließlich erst zum Leben erweckt. Aber Vorsicht: Klang ist nicht identisch mit Musik. Nein, Klang ist nur der Vermittler, durch den alle hörbaren und unhörbaren Elemente der Musik für den Menschen erlebbar werden. Also: Klang ist nicht Musik! Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man HiFi-Komponenten und insbesondere auch Kabeln einen „gewissen Klang“ zuordnet. Oder zum ersten Mal Komponenten und Kabel von Kondo hört.
Und noch einmal: Der zur Musik führende Klang ist auch nicht etwas, was unendlich Bestand haben kann, denn er entsteht aus der Stille und er führt wieder dorthin. Der Klang wird also immer wieder neu geboren und stirbt auch wieder. Er kann dabei die vorangegangene Stille abrupt unterbrechen, sie praktisch aufreißen, oder sich aus der Stille selbst entwickeln.

Ja, Musik weckt Emotionen!

Bei Musik gibt es keine unabhängigen Elemente. Melodie, Harmonie, Rhythmus, Tempo und Lautstärke führen nur in ihrer vollkommenen harmonischen Gesamtheit zu wirklich Emotionen erweckender Musik. Nur wenn sich diese Elemente zu einem neuen, dem einzelnen Bestandteil völlig übergeordneten organischen Ganzen zusammenfügen, werden wir im Innersten von der Musik auch berührt. Manche nennen dies den Fußwippmoment, andere erleben ein Gefühl, bei dem ihnen vielleicht sogar die Tränen in die Augen schießen.
Gerade in der klassischen Musik gibt es Momente, viele nur wenige Sekunden oder Minuten lang, die Menschen plötzlich sprachlos machen können. Bitte verzeihen Sie mir diesen plump klingenden Vergleich, aber es gibt Momente, in denen man einfach glaubt, dass sich der Himmel über einem förmlich zu öffnen scheint und man, wenn auch nur kurz, vollständig im Hier und Jetzt und in der Musik ist.
Körperlich „sichtbar“ werden solche Momente meist durch eine Gänsehaut, ein kurzfristiges Anhalten oder eine ungewohnte Unregelmäßigkeit der Atmung und ein Gefühl, als ob der ganze Körper plötzlich völlig neue biologische Reaktionen, meist kalt und warm wechselnde Zustände, auf der Hautoberfläche erzeugt. Geschieht all dies, kann, nein: wird Musik einen Menschen wirklich berühren, selbst wenn er diese zum ersten Mal in seinem Leben hört. Musik kann dann sogar Sorgen vergessen machen, individuelle oder kollektive Erinnerungen wecken und Schmerzen heilen oder zumindest lindern – alles Wirkungen und Empfindungen, die weit über das unmittelbare Hören hinausgehen.
Das Ziel? Ein organisches Ganzes!
Wer unter Klang jedoch etwas versteht, bei dem einzelne Bestandteile wie zum Beispiel „Bass“, „Höhen“ oder „Räumlichkeit“ als Bewertungskriterien herangezogen werden, wird bei der Suche nach dem „besten“ Gerät einfach nicht weiterkommen. Eine Suche, die für viele Kondo-Besitzer schon längst beendet ist … Kondo muss wirklich ein klar definiertes musikalisches Wunschziel gehabt haben, denn ich habe bis zum heutigen Tag kein einziges seiner Produkte gehört, dessen Klang sich nicht vom ersten Ton an vollständig der Musik untergeordnet und diese in unglaublicher Weise immer wieder mit gleicher Faszination zum Leben erweckt hat.
Vergleichbar mit der von Kondo gewünschten Art der Verschmelzung aller Einzelteile des Klangs zur Musik ist vielleicht ein Sinfonieorchester. Besuchen Sie doch einfach mal eine Orchester-Vorstellung für Kinder in einem Konzerthaus! Nacheinander werden dort einzelne Instrumente vorgestellt, mal die lautesten, dann die leisesten, nun die gestrichenen und darauf die Blasinstrumente und so weiter. Interessant und beeindruckend ist dann der Schluss einer solchen musikalischen Vorstellung, in der meist ein kurzes Musikstück mit dem ganzen Orchester gespielt wird. Keines der zuvor solo oder in Vergleichsgruppen gehörten Instrumente klingt nun gemeinsam mit den anderen noch so, wie es wenige Minuten vorher erklang. Selbst wenn man einzelne Instrumente noch heraushören kann, wird plötzlich eine neue, vorher nicht dagewesene Gesamtheit des Klanges festzustellen sein – und damit auch sofort ein subjektives Empfinden der Musik und ihrer Inhalte möglich werden. Achten Sie auf die Gesichter der kleinen Zuhörer, wenn ein Orchester zu spielen beginnt: pure Freude über die Schönheit der Musik – und das, obwohl sie die Musik meistens noch nie zuvor gehört haben! Vorher hörten sie das tiefste, das höchste, dass schnellste oder das lauteste Instrument – und dann hören sie nur noch Musik.

Vollkommenes Musik-Erleben

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Wo ich doch eigentlich nur etwas über Kabel berichten wollte? Ganz einfach: Die Kabel von Kondo schaffen genau das, und man kann es einfach nicht mit oder durch Einzelkriterien oder sogar im Rahmen eines Vergleichstests beschreiben! Im Gegenteil: Ein A/B-Vergleich könnte bei einer vorschnellen Einschätzung sogar zu einem unglaublich falschen Ergebnis führen.
Hören Sie sich Gustav Mahlers Erste Sinfonie an. Die Streicher zu Beginn sollen laut Mahler eine Stimmung wie ein Naturlaut erzeugen. Viele Anlagen lassen zwar die Töne auch klar und unverfälscht hörbar werden, mehr aber meistens nicht. Mit den Silberkabeln von Kondo flimmert der erzeugte „Klang der Natur“ förmlich im Raum, und die darüber emporsteigenden musikalischen Themen des restlichen Orchesters stören dieses Flimmern nicht, sondern bringen die nun folgenden Harmonien erst richtig zur Geltung.
Gehen wir noch ein paar hundert Jahre zurück, zu Orpheus in England. Die Aufnahme mit Emma Kirkby und Jakob Lindberg (BIS-CD-1725) offenbart bereits beim ersten Stück, welchen Einfluss die Kabel auf die Musik haben. Lindberg spielt hier auf einer originalen Laute von 1590 (!), und sobald Kirkby einsetzt, hört man auf einer musikalisch abgestimmten Anlage bereits eine ausgesprochen feinsinnige, klangtechnisch herausragende und fast schon unheimlich räumlich klingende Interpretation von John Dowlands „Disdain me still“. Wenn aber die Kondos den Signalfluss übernehmen, hört man – Musik. Die Musik, die seit mehr als 400 Jahren die Menschen mit ihrer Melancholie und ihrer subtilen Vielfalt auch heute noch immer in ihren Bann zieht – und mit der Erkenntnis, dass mit großer Schönheit, Anmut und Eleganz auch traurige Empfindungen wiedergegeben werden können …
Wenn man die KSL-Kabel anschließt, könnte man aber zunächst auch folgende Merkmale benennen: weniger Höhen, Tiefen und Mitten. Ja, irgendwie ist jetzt „weniger“ da. Und dann, ganz plötzlich, geschieht es. Nur wenige Minuten später hört man wirklich Musik, vermittelt von Tönen und erzeugt von Instrumenten, die sich nun aber ganz dem Inhalt der Musik unterworfen haben. Diese Intention der Musik tritt nun durch den Klang mit ihrer ganzen Intensität, Tiefe und Schönheit in einem wahrlich unglaublich hohen Ausmaß in den Vordergrund – und alle hifi-typischen, separierbaren und vielleicht sogar objektiv verifizierbaren Klang-Bestandteile treten für immer in den Hintergrund. Ich möchte hier aber nicht sagen, dass HiFi-typische Elemente nicht vorhanden sind oder sogar bewusst unterdrückt werden, um so vielleicht nur ein „gewolltes“ Klangbild zu erzeugen. Es geht darum, dass sich gerade eben kein Bestandteil des Klanges in den Vordergrund schiebt, um den Hörer durch ein klar wahrnehmbares „mehr“ oder „besser“ in Einzeldisziplinen förmlich einzufangen.
Ein letztes Beispiel: Der Eingangschor von Bachs Matthäuspassion lässt keine einzelnen Personen erkennen, nicht einmal eine leitende oder dominante Rolle des Chors gegenüber dem begleitenden Orchester. Alles fügt sich zusammen, jede einzelne Stimme ordnet sich völlig dem unter, was als Ergebnis hör- und fühlbar wird: einer der wohl vollkommensten Momente der Musikgeschichte.

Glücklich verkabelt mit Kondo

Gibt es auch Kritisches anzumerken? Nein, eigentlich nicht, aber vielleicht eine Einschränkung: Wechselte ich nur die neuen NF-Verbinder von Kondo und betrieb testweise „fremde“ Lautsprecherkabel in der Kette, trat der oben beschriebene Effekt zwar auch ein, aber nicht in seiner ganzen Spürbarkeit und Dominanz. Dies galt auch für den Fall, dass nur die KSL-Lautsprecherkabel eingesetzt und andere NF-Kabel in der Anlage betrieben wurden.
Dies erschien mir aber noch nachvollziehbar, da insbesondere bei Kabeln der Kettengedanke häufig klar erkennbar ist. Für mich nicht mehr nachvollziehbar war jedoch der soeben beschriebene Testablauf im Zusammenhang mit meinen alten Kondo-KSL-Kabeln. Auch hier stand das Ergebnis schnell fest: Nur wenn alle NFund LS-Kabel (sowie unbedingt auch das AES/EBUKabel zwischen gegebenenfalls vorhandenen Laufwerk-/ Wandlerkombis) der neuen Serie entstammten, geschah das, was dieser Marke und ihren Produkten uneingeschränkt und völlig zu Recht einen einzigartigen Ruf eingetragen hat. Prägt bereits ein Kondo-Kabel in einer Kette (ich würde immer mit einem NF-Kabel anfangen) diese bereits in höchstem Maße, kann man erst nach dem Austausch aller Verbindungen wirklich fast schon abgrundtief in die Seele der Musik blicken. Die Kabel von Kondo verschmelzen alle musikalischen (Einzel-)Teile und Elemente zu einem neuen organischen Ganzen: der wahren Musik.
Dies ist mehr, als ich von jeder HiFi-Komponente bisher erwartet habe, ich wusste nicht einmal, dass so etwas in dieser Form überhaupt möglich ist. Der Nobelpreisträger Albert Schweitzer schrieb in seiner Bach-Monografie: „So ist Bach ein Ende. Es geht nichts mehr von ihm aus; alles führt nur auf ihn hin.“ Nicht mehr und nicht weniger schreibe ich den Kabeln von Kondo zu.

www.blackforestaudio.com

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