Michael Vrzal

Es gibt Angebote, die darf man nicht ablehnen. Wenn es zum Beispiel heißt: „Mr. Chung lädt Sie ein, die neuen Firmenräume von Silbatone zu besuchen. Danach möchte er Ihnen seine neuen Hörräume zeigen.“ – dann bedeutet das: hingehen; staunen; Spaß haben.

Tatsächlich, Silbatone ist umgezogen. Logierte die in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul beheimatete High-End-Manufaktur bei meinem letzten Besuch 2011 noch auf Tiefgaragen-Level mit entsprechenden Gemütlichkeitswerten, gibt es nun nicht nur Tageslicht, sondern vor allem mehr Platz. Der ist bitter nötig, denn untergebracht werden wollen hier nicht nur Lager, Konstruktion und Fertigung der hauseigenen Röhrenverstärker, sondern auch ein Teil der umfangreichen – manche würden sagen: alle Maßstäbe sprengenden – Vintage-Audio-Sammlung des Hausherren Michael Chung. Die Schauwerte von beidem sind enorm. Röhren, wohin das Auge blickt, selbstverständlich alles New-Old-Stock-Exemplare (kurz: NOS), also Neuwertiges aus alter Originalfertigung. Prototypen künftiger Silbatone-Elektronik, an denen sich lustige Dialoge entspinnen: „Oh, das sieht ja übersichtlich aus, das wird bestimmt endlich mal ein erschwinglicher Vorverstärker, nicht wahr?“ – „Äh – nein. Unmöglich, allein schon wegen dieser Röhren …“ Und wieder zwei Glaskolben mit Sammlerwert. Na prima.

Dass hier gesammelt wird, wird unmittelbar nach Betreten der Firmenräume klar, denn das „Empfangszimmer“ ist bis auf einen Durchgang mit Lautsprechern und Elektronik aus aller Herren Länder vollgestellt. Ein Pärchen Schallwandler des Berliner Herstellers Voxativ hält die Fahne für Deutschland hoch. Ansonsten deutet schon hier das Vorhandensein zahlreicher sichtlich vom Zahn der Zeit angenagter Horntrichter auf einen ersten Höhepunkt der Führung zwei Räume weiter: Michael Chungs Western-Electric-Sammlung.

Der Faszination der teils über 80-jährigen Audio-Pretiosen kann sich selbst ein Laie auf diesem sehr speziellen Spezialgebiet nicht entziehen. Allem voran die Hörner, gerollt oder gebogen, rund oder eckig, aus Holz, Pappmaché oder Blech. Röhrenelektronik mit Dampflok-Anmutung, schwarz und staubig, mit den wunderschönsten Anzeigeinstrumenten. Musikhören ist möglich, mit Quellgeräten neueren Datums, von der transistorisierten Studiobandmaschine bis zum CD-Player ist alles da. Die Verstärkung obliegt Silbatone-Elektronik – natürlich.

Aber nicht nur Silbatone ist umgezogen. Auch Michael Chung hat sich neue Hörraume gegönnt. Hörten wir 2011 noch umgeben von tausenden Sammlungsexponaten in, nun ja, „Fan-Umgebung“, bleibt einem beim Betreten der kürzlich fertiggestellten unterirdischen Hörtempel schlicht die Spucke weg. Jawohl: unterirdisch. Drei Stockwerke unter einem Apartmenthaus hat der Innenarchitekt ganze Arbeit geleistet. Der „kleine“ Raum ist dem Western-Electric-Horn 16b gewidmet, das an Stahlseilen aufgehängt im Raum schwebt. Altar oder doch Kunst? Wie auch immer, der Anblick ist schlicht umwerfend. Leider war es gerade nicht an die Anlage angeschlossen. Im Gegensatz zur Installation eine Tür weiter. 100 Quadratmeter. Sieben Meter Deckenhöhe. Es spielen: Western Electric 12a und 13a. Ganz, ganz großes Kino.

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